Zwickau und der Schneider


Anfang des 12. Jahrhunderts lebte in Sachsen der Schneidermeister Mehmet Müller, der auf Strumpfhosen für den Mann spezialisiert war. Er war unverheiratet und interessierte sich eigentlich nur für seine Arbeit. Stundenlang saß er im Schneidersitz auf einem großen Tisch und nähte oder schnitt Stoffe, die er von weit her importieren ließ. Mehmet Müller war der beste Schneider weit und breit und wäre so gerne der Hofschneider des Landesfürsten Herzog Alvin Albrecht XII. des Ziellosen gewesen. Während der kalten Jahreszeit waren Müllers Strumpfhosen sehr beliebt und auch ältere Frauen trugen mit wachsender Begeisterung seine Arbeiten, die er – nach seinem Neffen Tobias, der sehr lang und dürr war – Tobby Long Long nannte. Es gab natürlich auch Neider, die sich negativ zu seinen wärmenden Kleidungsstücken äußerten. Zu ihnen gehörten die örtlichen Wirte, die es nicht gerne sahen, wenn ihre Gäste bei Eiseskälte oder während eines Schneesturms, geschützt durch eine zusätzliche Strumpfhose, lieber draußen das widrige Wetter trotzend nach Hause gingen, statt stundenlang zuflucht in einer Schankstube zu suchen. Auch die Besitzerin des ortsansässigen Freudenhauses sah Männer, die diese Liebestöter trugen, wie sie sie bezeichnete, nicht so gern und schaltete die örtliche Presse, deren Redakteur „Schmuddel“ Fink sie mehr als gut kannte, ein, eine Kampagne gegen Mehmet Müllers Strumpfhosen zu initiieren. „Schmuddel“ Fink – immer auf der Suche nach Sensationen – gelang es, den Prediger, Strumpfhaltersammler und Hundefänger Olav von Dreckspatz mit ins Boot zu holen. Von Dreckspatz, der als freischaffender Künstler flammende Reden gegen die Gottlosigkeit hielt, bezeichnete von nun an bei jeder passenden Gelegenheit Mehmet Müllers Strumpfhosen als gottlos und vom Tragekomfort her als miserabel.

Besonders im Schritt zwickt es“, meinte er jedes Mal widerlich grinsend.

Und sprach davon, dass dieses Kleidungsstück dem Herrgott ins Handwerk pfusche, denn der zusätzliche Aufwand beim Ausziehen, verhindere die eine oder andere von Gott gewollte Schwangerschaft. Dass mit dem Zwicken traf Mehmet mitten ins Herz, denn er wusste von dieser Schwäche, während ihn die anderen Beschuldigungen ziemlich kalt ließen.

Nach vielen schlaflosen Nächten hatte er schließlich die Lösung gefunden. Den Zwickel – wie er seine Erfindung sogleich nannte. Es war ein keilförmiger Stoffstreifen, der im Schrittbereich der Strumpfhose eingesetzt werden musste. Er verbesserte die Haltbarkeit und den Tragekomfort. Der Zwickel wurde aus dickerem Material als die Strumpfhose gefertigt. Eine revolutionäre Erfindung, die seinesgleichen suchte.

Als eines Tages die Postmeisterswitwe Konrada Griebentopf die Werkstatt Mehmet Müllers betrat, um sich einen Zwickel in ihre Strumpfhose einnähen zu lassen, war es um ihn geschehen. Konrada, die mindestens 20 cm größer und 70 kg schwerer als der Schneidermeister war, hatte ihn mit ihrer Fülle und Fröhlichkeit total verzaubert. Für die beiden Fünfzigjährigen war es Liebe auf den ersten Blick. Von diesem Zeitpunkt an konnte er seiner Arbeit nicht mehr nachgehen, denn seine Hände begannen zu zittern, wenn sie den Raum betrat oder er nur an sie dachte. Vollkommen überwältigt übergab er die Schneiderei an seinen Gesellen Giovanni Flachsmann, der nebenbei als Jockey bei Pferderennen aktiv war und mit dem Ross Anthony von Erfolg zu Erfolg eilte, und zog zu Konrada, deren Haus am Rande eines Auwaldes an dem Fluss Mulde lag und wurde auch ohne Zwickel ein zufriedener Mensch.

Auch wenn Mehmet Müller selbst nicht mehr nähen konnte, hielt er Seminare ab und bildete somit viele Schneider aus, die sein Wissen um die ganze Welt trugen. Konradas Haus wurde zu einem Kommunikationszentrum für die Weltvereinigung der Schneider. Um Konrada Griebentopfs Haus bildete sich eine kleine Siedlung, denn findige Leute mit ihren kleinen Würstchenbuden nutzten den Seminarbetrieb für ihr Gewerbe. Die Siedlung erhielt wegen des berühmten Zwickels und dem schönen Auwald den Namen Zwickau. Und Mehmet Müller und Konrada Griebentopf lebten glücklich miteinander bis ans Ende ihrer Tage.




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