Wanne-Eickel und der Hilfslehrer


Im Ruhrgebiet lebte Anfang des 14. Jahrhunderts der junge und dynamische Enoch Eickel von Bumsmann. Er arbeitete als Hilfslehrer und verdiente in diesen schweren Zeiten als ungelernter Wund- und Zahnarzt nebenbei etwas Geld hinzu. Während ihn Kinder in der Schule manchmal richtig Angst machten und der Zahnarztjob für ihn eigentlich nur erträglich war, wenn die Entlohnung stimmte oder er gerade eine für ihn aggressive Phase durchmachte und sie an der Kneifzange ausleben konnte, erfreute ihn seine Tätigkeit als Wundarzt, denn da hatte er das Gefühl den Menschen wirklich helfen zu können und verspürte auch eine gewisse Dankbarkeit. Ein großes Problem stellte damals die Hygiene dar. Der Begriff „sauber“ kam damals im deutschen Sprachgebrauch kaum vor. Geruchsbelästigungen allerorten. Die allgemeine Ärzteschaft war der Meinung, dass Wasser und Luft dem Körper schadeten. Trockenreinigung war das Zauberwort. Nicht einmal der Adel wusch sich, sondern bestäubte sich stattdessen ausgiebig mit Puder und Parfüm. So wurde der Körper nach Ansicht der damaligen Ärzte gegen Krankheiten abgeschottet, während die Unterwäsche zur Aufnahme des Körperschweißes diente. Bei einigen Mitmenschen musste Enoch Eickel von Bumsmann schon regelrecht die dicke Puder- und Dreckkruste mühevoll abschlagen. Und dann gab es ein großes Hallo, denn was dort manchmal zum Vorschein kam, war für alle Beteiligten oftmals doch sehr überraschend. Als Enoch verzweifelt gegen eine grassierende Infektionswelle ankämpfte und kaum etwas ausrichten konnte, fiel ihm zufällig ein Artikel eines gewissen Paters Dionysos in der Zeitschrift „Das Heimchen am Herde“ in die Hände, in der dieser ausführlich und logisch über die positiven Auswirkungen von Sauberkeit referierte. Ein geradezu revolutionärer Artikel. Enoch Eickel von Bumsmann gelang es erst nach vielen Wochen an mehrere Stückchen Kernseife heranzukommen und hatte eine glänzende Idee.

Er wohnte im Hause seiner Großtante Trudchen Eickel, zu dem nicht nur ein wunderschöner Obstgarten, sondern auch ein großer, wasserreicher Brunnen gehörte. Gegen massive Widerstände der ansässigen Ärzte ließ Enoch direkt neben dem Brunnen ein Badehaus erbauen und gründete den Verein „Ja, wir waschen uns“. Ein Seminar zum Thema: „Wasser und Seife sind nicht schädlich“ war anfangs nicht gut besucht. Das Event stand unter dem Motto: „An meine Haut lass’ ich nur Wasser und Kernseife“. Aber als Trudchen Eickel den Seminarteilnehmern ein leckeres Stampfkartoffel- oder Steckrübeneintopf-Mittagessen fast zum Nulltarif anbot, nahm die Zahl der Interessierten sprunghaft zu. Das Badehaus wurde in den folgenden Jahren regelrecht zum Renner und Enoch musste sogar Leute einstellen, die sich um die Kunden, das Badehaus und den Brunnen kümmern durften. So entstand das Dorf Eickel, was als sauberste Siedlung der damaligen Zeit in die Geschichtsbücher einging.

Bei vielen Spaziergängen hatte Enoch Eickel von Bumsmann in der Nähe seines Badehauses eine größere Geländesenkung entdeckt, die nach ausgiebigen Regenfällen schnell mit Wasser voll lief. Und wieder kam ihm eine großartige Idee. Er sicherte sich diese Senke und eröffnete das erste Freibad. Natürlich war „die Wanne“, wie Enoch es nannte, nur saisonal nutzbar, aber trotzdem wurde auch dieses Freibad ein riesiger Erfolg. Enoch stellte mit Giacomo Paparazzo den ersten Bademeister Deutschlands ein, der durch sein angenehmes Äußeres nun auch verstärkt die Damenwelt in die neue Badeanstalt lockte. Die damalige Bademode war noch ländlich-sittlich, aber es gab auch Trendsetter, die der Zeit schon weit voraus waren. Nicht einmal der Kirche gelang es, obwohl sie Agenten in das Badehaus und zur „Wanne“ schickte, um unsittliche Machenschaften aufzudecken, Enochs Einrichtungen schließen zu lassen. Dafür sorgte auch der agile Giacomo Paparazzo, der als Bademeister die kirchlichen Agenten sehr genau beobachtete und denen das eine oder andere unkeusche Verhalten nachweisen konnte und sie somit zum Schweigen brachte. Jeder lüsterne Blick, jede auch noch so dezente obszöne Geste und jede unsittliche Bewegung registrierte er ganz genau. Und niemand kam bei ihm ungeschoren davon. Sensationsgierige Fotografen, die meistens unrechtmäßig in die Privatsphären Prominenter eindringen, werden heute nach Enochs Bademeister als Paparazzo – Mehrzahl Paparazzi – bezeichnet.

Selbst Giacomos Einteiler, von ihm unnachahmlich – fast schon aufdringlich – getragen, der den Damen entzückte Schreie entlockte, oder der Missgriff des Diakons Alois von Trunksdorff, der einem Landrat, der brustschwimmend die „Wanne“ durchquerte, so unglücklich und fast ungewollt an die Hose fasste, dass dieser erstmals die Passform eines Tangas am eigenen Körper erfahren durfte, konnten den Siegeszug gegen die Trockenreinigung aufhalten.

Auch am Freibad entstand mit den Jahren eine Siedlung, die einfach Wanne genannt wurde. Jahrhunderte später fusionierten Eickel und Wanne zu Wanne-Eickel, dessen Urvater Enoch Eickel von Bumsmann vollkommen in Vergessenheit geraten war.




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