Stuttgart und der Barbier



Um 950 herum wanderte der Barbier Edmund Gart entrückt und von der Welt enttäuscht ziellos durch das Schwabenländle. Er, der nur für seinen Beruf lebte, fühlte sich missverstanden, denn seine innovativen Frisurenkreationen fanden bei den konservativen Meistern seiner Innung keine Anerkennung und er wurde immer wieder kopfschüttelnd von seinen Meistern hochkant an die Luft gesetzt. So blieb er ein einfacher, ungeliebter Barbier, leicht durchgeistigt – eben ein Künstler, der auch so aussah und Zeit seines Lebens nie den Meisterbrief erlangen sollte.

Eines schönen Tages im Juni oder Juli – der genaue Tag ist nicht überliefert – durchwanderte er einen großen Talkessel, es war heiß und er müde. Edmund Gart entdeckte einen einsamen, fast schon baufälligen Stall, wo er sich kurz zur Ruhe niederlegen wollte. Zu seiner Überraschung stand eine schöne Pferdestute mit einer langen, wunderbaren Mähne im Stall. Ein Reiter war nicht anwesend. Bewundernd streichelte der schlanke, blonde und noch junge Friseur die Mähne des Tieres und ihn überkam ein großes Verlangen dieses schöne Haar zu vervollkommnen. Edmund öffnete seinen Rucksack und holte seine Friseurutensilien heraus und begann die Mähne der Stute zu bürsten. Dem Tier gefiel es. Nach kurzem Zögern begann Gart Zöpfchen in die Mähne zu flechten. Dann nahm er wunderbare Lockenwickler zur Hand und wickelte geschickt herrliche Locken in den langen Schweif des schönen Tieres. 
Als er gerade damit fertig war, stürmte eine schon ältere, aber noch sehr gut aussehende, vornehme Frau – rotwangig und glühend – mit einem noch sehr jungen Mann herein und schrie kurz auf, als sie Edmund Gart bei ihrem Pferd stehen sah.
„Sie Unhold, was machen sie hier in meinem Stall und was haben sie mit meiner geliebten Gertrude gemacht“, sagte die Dame und hob drohend ihre Reitpeitsche.
„Ich bin nur ein Barbier“, entschuldigte Edmund sich stammelnd und entfernte mit flinken Fingern die Lockenwickler aus Gertrudes Schweif und bürstete es kurz durch, dabei wurde er von der vornehmen Dame misstrauisch beäugt.
Aber als Edmund Gart zur Seite trat und die Dame nun Gertrudes Mähne mit den niedlichen Zöpfchen und den lockigen Schweif sah und auch noch gerade Sonnenstrahlen auf die Stute trafen, war sie sprachlos. Das Pferd war perfekt frisiert und sah einfach nur wunderbar und schön aus.
Edmund war mit seiner Arbeit zufrieden und wollte sich verbeugend von der Dame, ihrem Geliebten – wie er annahm – und Gertrude verabschieden, aber die Generalsgattin – wie sie sich später vorstellte – Mechthild von Sossno-Dummerwitz hielt ihn am Arm fest und stammelte nur: „Meister, bleiben Sie!“
Und er blieb für immer. Die altersschwache Scheune wurde hergerichtet und für ihn ein kleines Häuschen angebaut. Frau von Sossno-Dummerwitz stellte ihn als Pferdestutenbarbier ein, denn ihre Idee war es, auch den Stuten ihrer zahlreichen Freundinnen die Möglichkeit zu geben einfach nur wunderbar auszusehen. Und er erwies sich als wahrer Meister an der Schere, der Bürste und dem Lockenwickler.
Edmund Gart gründete – inzwischen berühmt und wohlhabend – einige Jahre später neben seinem Pferdefriseurgeschäft das Gart-Haarstudio, was sich fast ausschließlich nur den Damen widmete. Die Barbierinnung sah es nicht gerne, da er keinen Meisterbrief besaß, aber er hatte nun soviel Einfluss, dass sie ihn gewähren ließen. Während seiner größten Schaffenskraft entwickelte er – ableitend von den Stutenfrisuren – für die Damenwelt den Pferdeschwanz und den Pony, die uns noch heute nach vielen Jahrhunderten erfreuen. Für die Männerwelt schuf Edmund Gart die ersten Haarteile aus Pferdehaar, die den glatzköpfigen Herren wieder Zuversicht und Mut gaben.
Auch die Erfindung des Haarclips wurde ihm zugeschrieben, doch für dieses Utensil war kein anderer als Pfarrer Perikles Uwe Drückmich verantwortlich. Der Pfarrer, der es liebte sein Haar offen und lang zu tragen, hatte diese Haarspange erstmals aus Fischgräten – welche Fischart ist nicht bekannt – verfertigt, denn seine stark pendelnde enorme Haartolle störte doch seine flammende Performance, wenn er seine Schäfchen streng und gottesfürchtig von der Kanzel direkt in die sündigen Augen blicken wollte.

Mit der Zeit siedelten sich Hufschmiede und Pferdepfleger in der Nähe des ehemaligen Stalls an. Bauern und anderes Volk kamen hinzu. Und so entwickelte sich über Jahrhunderte die große Residenzstadt Stuttgart aus dem Stutenfriseurgeschäft und dem Gart-Haarstudio des Edmund Gart.



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