Schweinfurt und der Eintänzer
Felix Spanner-Lutschmann arbeitete im
Jahre 790 als Eintänzer in einem bekannten Club. Er war bei der
Damenwelt heiß begehrt, aber dafür tat er auch etwas. Zum Beispiel
hatte er den damaligen Starfriseur Luigi Schwartenmeier zur ersten
Dauerwelle inspiriert, die Felix gekonnt und stolz mit seinem schwarz
gefärbten Haar trug. Außerdem muss Felix Spanner-Lutschmann als
Erfinder des Solariums angesehen werden, denn er hatte schon früh die
Kraft der Sonnenstrahlen und die Wirkung gebräunter Haut auf die Damen
erkannt. So legte er sich bei strahlendem Sonnenschein auf den höchsten
Berg der Gegend und genoss die Höhensonne. Nebenbei stählte er seinen
Körper mit zahlreichen Kraftübungen und war somit einer der Urväter der
Trimm-Dich-Bewegung. Die Frauen liebten ihn und er die Frauen.
Auf der anderen Seite des Mains hatte
Markgraf Fridtjof Maria II. der Potente seine Sommerresidenz. Der schon
ältere Blaublütige regierte selbstherrlich sein Land und bestand zum
Beispiel auf „sein Recht der ersten Nacht“, wenn eine seiner
zahlreichen Mägde heiraten wollte. Widerwillig befolgten einige seiner
von ihm abhängigen Damen den Befehl und die eine oder andere wurde von
ihm schwanger und verließ verzweifelt ihr altes Leben. Andere liefen
vor dieser Nacht, die der Markgraf immer in vollen Zügen genoss, fort.
Und alle diese armen Geschöpfe nahm eine gewisse Agnes Labsal in ihrem
„Heim für gefallene Jungfrauen“ auf. Die ehemalige Gouvernante hatte
die Aufgabe übernommen diese geschundenen, ausgestoßenen oder
geflüchteten Mägde des Markgrafen aufzunehmen und ihnen eine
christliche Perspektive mit Seelchen aufbauenden Maßnahmen zu bieten.
Und diese hatten die ehemaligen Mägde des unersättlichen Fridtjof Maria
II. auch dringend nötig. Täglich kam ein Pfarrer vorbei und betete mit
ihnen für ihr Seelenheil, aber auch Agnes versorgte die Mädchen mit
vielen Bibelsprüchen zu alltäglichen Themen.
Im Zuge seines täglichen Joggens
nutzte Felix Spanner-Lutschmann des Öfteren eine Furt des Mains und
entdeckte eines Tages dieses „Heim für gefallene Jungfrauen“ mit den
vielen hübschen jungen Damen auf der anderen Seite des Flusses. Immer
wieder nahm er den Weg über diese Furt und beobachtete die Frauen bei
der Gartenarbeit, wenn sie leicht beschürzt ihr Gemüse zogen und
pflegten. Leidenschaftlich gerne sah er ihnen zu. So wurde Felix
Spanner-Lutschmann zum ersten Spanner auf Erden, denn dieser Begriff –
abgeleitet von seinem Namen – ging in den deutschen Sprachschatz ein.
Ein Haus mit dieser vollen jungen Weiblichkeit hatte er vorher noch nie
gesehen. Schließlich wagte er es, ihnen einen Besuch abzustatten. Aber
Agnes wehrte bis auf den Pfarrer alle sonstigen männlichen Besucher
gnadenlos ab. Er ließ nicht locker, aber jedes Mal entdeckte Frau
Labsal ihn und verwies ihn des Grundstücks. Als er sich als Pfarrer
verkleidet in das Haus wagte und den Waschraum des Heims betrat,
raubten ihm nicht nur der Wasserdampf, sondern auch die vielen leicht
bekleideten weiblichen Wesen den Atem. Und die Frauen lachten und
freuten sich, denn sie waren von seinem Äußeren sehr angetan.
„Was für ein Mann“, sagte eine der Frauen schmeichelnd und Felix fühlte sich wohl.
Aber er hatte Pech, denn die
misstrauische ehemalige Gouvernante, die ihr Vermögen mit einem Patent
für Stützstrümpfe gemacht hatte, entdeckte ihn wieder und setzte Felix
an die Luft.
Und sie rief ihm voller Inbrunst noch: „Sie Ferkel! Sie Schwein!“ nach.
Ein weiterer Versuch misslang, aber
plötzlich wurde er dabei so von Agnes Labsal, die einen kaum für
möglich gehaltenen, verspäteten Hormonschub bekam, weil sie sich von
dem äußerst attraktiven Felix Spanner-Lutschmann dermaßen angezogen
fühlte, bedrängt, dass er Panik bekam und vor Angst hastig über die
Furt auf seine Seite des Mains flüchtete und niemals mehr zurückkehrte.
Agnes Labsal stand noch viele Jahre danach oft sinnend in Höhe der Furt
am Main und hoffte, dass Felix Spanner-Lutschmann, die Liebe ihres
Lebens, wiederkommen würde, aber dessen Angst vor der älteren, strengen
und hageren Frau mit der markanten Hakennase, die ständig Prototypen
neuer verbesserter Stützstrümpfe trug, war einfach zu groß.
Später entwickelte sich aus dem Heim,
das fast direkt an der besagten Fluchtfurt lag, eine Siedlung, die
zuerst Labsalheim, dann Ferkelfurt – zur Erinnerung an den umschwärmten
Eintänzer, den die Mägde nicht vergessen konnten, und einige Jahre
später schließlich Schweinfurt, als die Stadtväter den Ort für
erwachsen genug hielten, genannt wurde. Die ersten Siedler waren die
Ex-Mägde und deren zahlreiche Kinder, die alle Nachkommen des
Markgrafen Fridtjof Marias II. des Potenten waren. Glücklicherweise kam
– gut für die Volksgesundheit – später noch anderes Volk hinzu.