Rostock und die Möpse
Schorsch Machmann, ein eher schmächtiger Mann, lebte Ende des 12. Jahrhunderts als geachteter Mops- und Kaninchenfänger an der Ostseeküste. Und beide Tätigkeiten wurden fürstlich honoriert. Er war mittleren Alters und liebte die Gastwirtin Burglinde Katschagurian, die ihn gerade wegen ihrer Körperfülle in ihren Bann gezogen hatte.
Er hatte gut zu tun, denn immer wenn es Parkbesitzern mit den Wildkaninchen zuviel wurde, wurde Schorsch Machmann bestellt um die Mehrzahl der niedlichen Plagegeister, die er mit leckeren Möhrchen anlockte, zu fangen und dem Wildentsorger „Hinfort und Weg“ zu übergeben. Entlaufene Möpse fing er nur so zum Spaß ein, besonders wenn die weiblichen Besitzerinnen ihn so herzzerreißend darum baten. Die Möpse, die damals für die vornehmen Damen schon Pflicht und Mode waren, brachte er dann wohlbehalten zu ihren Frauchen zurück. Übrigens ist die ungalante Bezeichnung Möpse für die weibliche Brust Schorsch zu verdanken, der oft voller Mitleid in die tiefen Ausschnitte der verzweifelten Mopsbesitzerinnen geschaut hatte – so sah er immer irgendwie die weibliche Brust und den Mops in Zusammenhang – und dabei an seine Burglinde denken musste, die davon soviel mehr hatte, dass sie extra Laschmaterial vom nahe gelegenen Ostseehafen benötigte, um diese unwahrscheinliche Menge formvollendet darbieten zu können. Und Schorsch stand voll darauf und half seiner Geliebten besonders gerne bei den Entlascharbeiten und versank danach lustvoll in ihren Massen. Eines Tages passierte es, wovon er eigentlich immer geträumt hatte, seitdem er Burglinde Katschagurian begegnet war. Mitten im Liebesakt erstickte er voller Wonne zwischen ihren gewaltigen Brüsten.
Entsetzt und tieftraurig verließ sie nach der Beerdigung ihres geliebten Schorsch den Ort und zog in die kleine unbedeutende Ostseehafenstadt. Dort übernahm sie das Seemannsheim, was nach einem uralten Rosenstock „Am Rosenstock“ benannt worden war. Ein Mann, der die gleiche Neigung wie Schorsch Machmann hatte, umschwärmte bald darauf Burglinde. Es war der Schiffsausrüster Herkules Hager, der ihr schon seit Jahren Laschings verkauft hatte, die sie als BH und zur Unterstützung ihrer Korsage benötigte. Auch er, der natürlich ein Fachmann im Laschen und Entlaschen war, liebte es Burglinde besonders beim Auskleiden zu helfen.
Das Seemannsheim „Zum Rosenstock“ wurde bald zum Mittelpunkt des kleinen Hafens und viele – auch ausländische – Seeleute nahmen gerne bei Burglinde Quartier, um dort auf ihre Schiffe zu warten. Aber Burglinde war eben auch eine Sehenswürdigkeit von der viele Seeleute weltweit sprachen. Und so legte alsbald auch einmal ein Schiff an, das normalerweise einen anderen Hafen bedient hätte. Der kleine Hafen blühte unaufhaltsam auf und Herkules Hager, der Schiffsausrüster machte gute Geschäfte. Kartographen übernahmen bald in ihren Karten den Namen Rosenstock als Städtebezeichnung für den Hafen.
Die Jahre vergingen und Burglinde Katschagurian und auch das Seemannsheim „Am Rosenstock“ verfielen langsam aber sicher. Sie wurde älter und Hagers Laschings wurden wichtiger denn je und spezielle Schwergutlaschings notwendig, um ihre zunehmenden und ausufernden Massen zu bändigen. Schiffsausrüster Hager war immer auf der Suche nach stärkeren Seilen, denn auch die Ladung im Hafen wurde umfangreicher und vielfältiger. So erfand er das Herkulesseil, was noch heute in den Häfen zum Laschen genutzt wird. Die Stadt wuchs und viele andere Dinge als das Seemannsheim und Burglinde wurden mit der Zeit für die Bürger und die Seeleute wichtiger. Und als die Heimchefin eines Tages nicht mehr laufen konnte, weil ihre Beine ihren Körper nicht mehr tragen konnten, zog sie sich verbittert, sie, die zeit ihres Lebens nie verheiratet gewesen war, in ein Altenpflegeheim zurück, wohin ihr der treue Freund Herkules Hager bald folgte und beide dort noch einige schöne gemeinsame Jahre verbrachten.
Ihre Nachfolgerin im Seemannsheim, das nur noch sehr selten voll belegt war, ließ das Haus endgültig verfallen. Die Farbe blätterte ab und vom einst stolzen Schriftzug „Seemannsheim Am Rosenstock“ war bald vom Rosenstock nur noch „Ro stock“ zu lesen. Die Stadtoberen nutzten diesen Umstand aus und wiesen einen Kartographen an, den Ortsnamen Rosenstock, der ihnen einfach nicht maritim genug klang, in den Flur- und Seekarten auf Rostock zu ändern.
Einige Jahrhunderte später erwies sich die Namensänderung als gefährlich, denn als Rostock neben dem Hafenumschlag auch in das Werftengeschäft einstieg, machten, lanciert durch konkurrierende Schiffbauer, Gerüchte die Runde, dass verbitterte Reeder wegen der rostenden Docks sich die Bezeichnung Rostock für den Hafen ausgedacht hatten. Lange kämpfte Rostock gegen dieses geschäftsschädigende Gerücht an, bis die Stadt sich aber letztlich als verlässlicher Werftenstandort durchsetzen konnte.