Paderborn und die Krippe
Eines Wintertages Anfang des 8. Jahrhunderts waren die drei Freiherren Balthasar von der Kuhweide, Melchior von Engeln und Kaspar von Kurzhals unterwegs zu einem Schwippschwager Balthasars, der seinen Geburtstag feiern wollte. Die Feten des Barons Claudius zu Muckelmann waren berühmt-berüchtigt, da sie sehr feuchtfröhlich und rauschhaft zu sein pflegten. In froher Erwartung ritten die drei vornehmen Herren durch das westfälische Land. Es war nicht mehr sehr weit bis zum Herrenhaus des Barons, als sie am schon dunklen Himmel ein merkwürdiges, aber schönes Leuchten erblickten. Entschlossen ritten die drei Freiherren der farbenfrohen Erscheinung entgegen. Je näher sie herankamen, umso schöner wurde das Leuchten. Die blaublütigen Männer verspürten aber auch, dass die Luft immer schwerer von unangenehmen Gerüchen wurde. Interessiert ritten die Freunde – fasziniert von dieser Farbenpracht – schneller und standen bald vor einer offenen Klärgrube. Faulgase machten nicht nur das Atmen schwer, sondern waren auch für die wunderbaren Farbenspiele am Himmel verantwortlich. Desillusioniert wollten sie gerade wieder ihren Ritt in Richtung des Herrenhauses des Barons Muckelmann aufnehmen, als sie aus einem nahe gelegenen kleinen Stall merkwürdige Geräusche vernahmen. Balthasar, Melchior und Kaspar zogen ihre Waffen und betraten vorsichtig den altersschwachen Stall. Drinnen tummelten sich einige Schafe und andere Haustiere. Überraschend erblickten sie mitten im mit viel Heu ausgestreuten Raum eine Krippe. Und in dieser Krippe lag ein nacktes, männliches Neugeborenes. Daneben standen, wie die drei Freiherren blitzschnell erkannten, der Vater und die Mutter des Kindes. Angstvoll starrten die Eltern die drei Eindringlinge an. Beruhigt und fröhlich im Angesicht des Babys, senkten die Männer ihre Waffen und grüßten mit einer Verbeugung das Paar an der Krippe.
„Bitte verratet nicht unser Versteck“, sagte sogleich mit schreckgeweiteten Augen der Vater, der ein Geistlicher zu sein schien.
„Warum sollten wir?“, forschte Kaspar.
„Und wen könnten wir verraten“, fragte Balthasar freundlich.
„Ich bin Pater Josephus Willdich und die Mutter meines Kindes ist die Marianne und Magd am Hofe des Bischofs Angelmund. Niemand weiß von unserer Liebe und von unserem Kinde.“
Josephus und Marianne blickten sich liebevoll an und der Pater fuhr fort: „Unser Sohn soll Jens heißen.“
„Wie schön“, meinte Kaspar fröhlich.
„Wir haben nicht über euch zu richten“, sagte Melchior freundlich und reichte dem Pater ein sorgfältig zusammengelegtes Taschentuch.
„Nehmt dieses als Geschenk zur Geburt eures Sohnes. Und hütet diese Kostbarkeit wohl. Dieses Taschentuch hat einige Schweißtropfen des großen Sängers Guildo Horch aufnehmen dürfen.“
Nun wollte Kaspar ihm nicht nachstehen und reichte Mutter Marianne einen Becher.
„An diesem Becher hat der legendäre König von Mallorca, Jürgen der Schöne, mehrmals genippt.“
Balthasar Freiherr von der Kuhweide war durch die Großherzigkeit seiner Freunde fast dazu gezwungen Vater Josephus nun sein liebstes und wertvollstes Souvenir zu geben.
„Dieses wunderschön gefertigte Pillendöschen überreiche ich Euch. Es beinhaltet hunderte sorgfältig und sanft von dem Umhang des wohl berühmtesten Musikproduzenten und Komponisten unserer Zeit, Dieter Fohlen, gesammelte Schuppen.“
„Übrigens ein heimlicher, aber notorischer Sitzpinkler und Turnbeutelvergesser“, raunte er noch seinen Freunden zu.
Mutter Marianne war ob der Geschenke überglücklich.
Als die drei Freiherren das Kind in der Krippe noch einmal in Ruhe betrachteten, erfasste sie die Erhabenheit des Augenblicks mit voller Wucht und prägte sie für ihr weiteres Leben. Sie verließen die junge Familie und begaben sich zur Geburtstagsfeier, wo sie sich nicht dem Alkohol ergaben, sondern von ihren besonderen Eindrücken des Abends berichteten – ohne den Pater zu verraten – und sich von nun an ganz und voller Inbrunst der Sanierung von Klärgruben widmeten.
Und über dem Stall mit dem kleinen Jenskinde in der Krippe leuchteten die Faulgase weiterhin wunderschön und schillernd und verkündeten für die ganze Welt die Geburt des Knaben, der später einmal ein Superstar werden sollte.
Ein Gedicht des Schäfers Heinfried, als es kein Geheimnis mehr war:
„Ein Kind des Paters ward gebor’n.“ – der Rest des Textes ist glücklicherweise leider verschollen – führte wenige Jahre nach der Geburt des Kindes zu dem Ortsnamen Paterborn, später wurde Paderborn daraus.