München und der Mönch
Anfang des 12. Jahrhunderts lebte an
der Havel der Landadelige und Gutsbesitzer Wilhelm Georg von Bock.
Seine zwei Söhne, Wilhelm Otto und Friedrich Wilhelm, erzog er hart,
aber gerecht. Wilhelm Otto als ältester Sohn war als Erbe des Gutes
vorgesehen, sodass Friedrich Wilhelm eine Laufbahn beim Militär offen
gestanden hätte, wenn er nicht nur ein Handicap beim Golf, sondern auch
ein körperliches gehabt hätte, denn er war kleinwüchsig und somit für
eine Karriere beim Militär ungeeignet. So blieb ihm nur die Religion
als Betätigungsfeld. Er wurde von seinem Vater wehen Herzens in eine
Priesterschule geschickt, aber dort wurde Friedrich Wilhelm von
Bock aufgrund seiner Größe gehänselt und für ein Priesteramt für
ungeeignet erklärt, obwohl er sich seiner Religion verpflichtet fühlte
und dem Glauben dienen wollte. So zog er sich die Mönchskutte an,
schnürte sein Bündel und sah seine neue Aufgabe darin Nichtgläubige zu
bekehren. Er richtete seine Schritte in Richtung Süden. Die wilden,
ungezügelten Bajuwaren waren sein Ziel. Er kam nur sehr langsam voran
und wurde fast überall seiner Größe wegen verspottet. Das Leben war für
ihn nicht leicht, aber sein Herz war voller Liebe für seine Mitmenschen
und seinen Gott.
Nach vielen Monaten erreichte er
Bajuwarien und einen schönen Fluss. Es war die Isar, aber da er den
Dialekt der Menschen dort nicht verstand, erfuhr er es nie. Er blieb
und baute für sich eine kleine Hütte auf einen Hügel, den er nach
seinem Vater Wilhelmshügel nannte. Schon bald bekam er Besuch von einem
gewissen Josef Baron Filzhuber, der in der Nähe eine wehrhafte Burg
besaß und seine Zeit mit der Jagd verbrachte. Sein ganzer Lebensinhalt
war die Suche und Jagd nach dem legendären Wolpertinger.
„Ein kleines Mönchchen“, sagte der
Baron verächtlich, als er Friedrich Wilhelm von Bock begutachtete, denn
er hasste Mönche und die Kirche. Auch den Baron Filzhuber verstand
Friedrich Wilhelm von Bock kaum. In der Gefolgschaft des Barons befand
sich ein ausgewiesener – nicht aus Bayern – Wolpertinger-Experte, der
Ammermaier Sepp, der Zeit seines Lebens behauptete schon einmal einen
echten Wolpertinger gesehen zu haben. Eine Art Hase mit Hirschgeweih.
Außerdem hatten zwei Diener ständig
schwer an einer lebensgroßen Zielscheibe zu schleppen, die – Bock
grauste es – einen Mönch darstellte, den der Baron „mein
Mönchlein“ nannte. Bei jeder Gelegenheit nutzte er die Zielscheibe um
sich als Schütze zu verbessern. Um sich in Stimmung zu bringen, schrie
er den aufgemalten Mönch mit zusammengebissenen Zähnen: „Alter Pfaffe!“
oder „Mein Mönchlein, jetzt bist du dran!“ an.
Friedrich Wilhelm von Bock erweiterte
sein Haus, legte einen Garten an und begann sogar, als er Hopfen in der
Nähe entdeckte, Bier zu brauen. Zum Bockbieranstich kam auch Josef
Baron Filzhuber mit seinem Gefolge vorbei. Bocks Sendungsbewusstsein
war ungebrochen, auch als eines Tages Friedrich Wilhelms Kanarienvogel
Peter entflogen war und sich auf einen Ast auf dem Wilhelmshügel
niedergelassen hatte. Leider war der schießwütige Wolpertingerjäger
Filzhuber in der Nähe und erschoss den kleinen, gelben Vogel in der
irrigen Annahme endlich einen Wolpertinger vor die Flinte bekommen zu
haben. Von Bock war außer sich und der Baron entschuldigte sich
ziemlich unwillig, als er den Leichnam des Vogels betrachtete. Zum
Angedenken wurde der Wilhelmshügel vom Baron mit Zustimmung des Mönchs
in Petersbergl umbenannt.
Viele Jahre vergingen und der Baron
hatte immer noch nicht seinen Wolpertinger erlegt, dafür litt er nun
aber unter großer Sehschwäche. Das Mönchlein war schon vor langer Zeit
vollkommen zerfetzt und entsorgt worden. Und auch der Ammermaier Sepp
war von Josef Baron Filzhuber längst freigesetzt worden. Sepp arbeitete
nun als gefeierter Fußpfleger in einem Seniorenstift und bot
gleichzeitig Kurse „Darmluftentweichung dezent gestalten“ für die alten
Menschen an.
Als eines schönen Augustmittags
Friedrich Wilhelm von Bock sich schläfrig ins Gras gelegt hatte, war
der Baron in der Nähe und wieder einmal auf der Pirsch. Leider lugte
Friedrich Wilhelms abstehendes Resthaar ziemlich weit aus dem Grase
hervor und der Baron dachte nun wirklich einen Wolpertinger entdeckt zu
haben. Der Traum Josef Baron Filzhubers schien sich endlich zu erfüllen
und er schoss. Ein wahrer Meisterschuss – trotz Sehschwäche, der leider
zum tragischen Ende Friedrich Wilhelm von Bocks führte. Der Baron ging
zerknirscht und voller Reue zum Optiker und legte sich eine Brille zu.
Ein nahe gelegenes Kloster übernahm das Haus, den Garten und die kleine
Brauerei Mönchchens. Es siedelten sich weitere Menschen an und eine
Stadt entstand. Sie wurde zuerst Friedrich-Wilhelm-Stadt, dann aber
nach Protesten der Bürger Mönchchen genannt. Daraus entwickelte sich
mit den Jahren München. Der Umstand, dass die Stadt München nach einem
preußischen Mönch benannt wurde, wurde später aus den offiziellen
Geschichtsbüchern Bayerns und Münchens entfernt, so als hätte es die
große Pionierleistung Friedrich Wilhelm von Bocks nie gegeben. Und der
Wolpertinger ist bis heute ein Fabelwesen geblieben.