Mannheim und die Männer-WG
Erna Freiin von Ömmelsdorf war um das Jahr 750 herum nicht nur eine
leidenschaftliche Reiterin, sondern auch eine der schönsten und
wildesten Frauen der damals bekannten Welt. Ihr Vater Oddo der Brutale
Freiherr von Ömmelsdorf war durch Wegelagerei sehr vermögend geworden.
Und als er an einem schönen Sonntagmorgen im Mai in Ausübung seiner
Passion Wegezoll vom Markgrafen Theodor von Osthumburg kassieren
wollte, wehrte sich dieser waffenstarrende Krieger und seines Geizes
wegen sehr bekannte Mann so vehement, dass Oddo von Ömmelsdorf nicht
nur seine Ehre, sondern auch den Halt im Sattel verlor und von seinem
Pferd stürzte und sich das eine oder andere Rippchen mehrmals brach.
Einige Tage später verstarb Oddo im Wundbett und hinterließ nicht nur
eine sehr dezent trauernde Tochter, sondern auch ein beträchtliches
Vermögen. Die schöne und ungezähmte Erna führte von nun an ein
ausschweifendes Leben. Sie wurde ein richtiges Partygirl, das von den
feuchtfröhlichen Trinkgelagen und den Männern nie genug bekam. Die
dunkelhaarige und wunderbar gebaute Erna brach dabei so manches
Männerherz und ließ den einen oder anderen liebestollen Burschen danach
achtlos am Wegesrand liegen.
Ihr Verwalter Armin Brümmelmeier hatte eine Klosterschule besucht und
war sehr gläubig. Und er hasste das ausschweifende, gottlose Leben
seiner Chefin, andererseits liebte er es aber auch die Geldstücke für
sie zu zählen, die Ernas Zolleintreiber freudvoll hereinbrachten.
Als der gute Armin aber eines Tages fast an einem versehentlich
verschluckten Hähnchenknochen erstickte, nahm er dieses Ereignis als
Zeichen des Himmels, endlich etwas zum Schutze der Männer gegen das
sündhafte Leben der Freiin zu unternehmen.
In der Nähe ihrer Burg kaufte Brümmelmeier ein großes Stück Land, auf
dem sich ein altes, ehrwürdiges Haus befand, das einst dem
Generalsekretär der Unterstützungskasse freier, alternder Diebe und
Betrüger e. V. und Eigentümer eines Bankhauses, Josefus Feldleuchter
gehört hatte. Er stellte den ehemaligen, aber gescheiterten Hilfsvikar
Ethelbert Meier als Seelsorger und Hausmeister ein und nahm in der
Folgezeit bis zu zwölf tieftraurige junge Männer auf, die nach Gebrauch
von Erna verstoßen worden waren, um ihre Seelen wieder zu heilen.
So wurde die erste Männer-WG (Wohngemeinschaft) der Welt unter Leitung
des ständig nach Spenden suchenden Brümmelmeier gegründet. Es erhielt
den Namen „Anstalt für ledige Männer“ und wurde später nur noch „das
Männerheim“ genannt.
Mit dem fortschreitenden Alter Ernas nahm die Bewohnerzahl ständig ab
und als Erna Freiin von Ömmelsdorf mit noch nicht einmal 40 Jahren an
Auszehrung starb, verließ nicht nur der letzte junge Mann die Anstalt,
sondern auch Ethelbert Meier, der sich mit den Jahren zu einem sehr
guten Psychologen und Seelsorger entwickelt hatte und ein Sanitätshaus
in der nahe gelegenen Residenz eröffnete und sich nebenbei als
Hobby-Psychoanalytiker betätigte. Übrigens hatte Ethelbert Meier
während seiner Arbeit mit den liebestollen Erna-Bewunderern zur
meditativen Beruhigung u. a. den rechtsdrehenden Brummkreisel – die
Figur Brümmelmeiers diente als Vorlage – entwickelt, der eine ungeahnte
positive therapeutische Wirkung zeigte.
Armin Brümmelmeier schloss schließlich die Anstalt für immer und lebte
von nun an, auch noch arbeitslos geworden, da der Erbe Ernas – ein
pickeliger Cousin fünften Grades – ihn als Verwalter entlassen hatte,
allein im großen Haus. Und so wurde im Volksmund aus dem Männerheim
Mannheim. Schon zu Lebzeiten Brümmelmeiers hatten sich einige
Landarbeiter, Wundärzte, Geistliche, Weißwäscherinnen, Fußpfleger,
Moraltheologen und Gärtner in der Nähe der Anstalt angesiedelt und
Mannheim wuchs langsam zu einer wunderbaren, blühenden Stadt
heran.