Mainz und die Maske


Anfang des 14. Jahrhunderts kämpften Bischof Oleg Gabor II., genannt der Schwellkopp und Blasius Graf Schwitz-Schwitzenstedt um die Macht über eine kleine Stadt, die gegenüber der Main-Mündung am Rhein lag. Ehrenamtlich war Graf Blasius als Schirmherr der jährlich stattfindenden Konferenz der Blasenschwächlinge, ein Ableger des „Weltkongresses der Bettnässer e. V.“ aktiv. Er war überall als „der Stinker“ bekannt und berüchtigt, wobei dieses nicht nur psychisch, sondern besonders auch physisch gemeint war und trug den Namenszusatz würdevoll und vollkommen berechtigt. Es gab Gerüchte, dass Bischof Oleg Gabor II. nicht nur Blasius’ Großonkel, wie es offiziell hieß, sondern sogar sein leiblicher Vater war. Aber beide kannten keine Verwandtschaft, wenn es um Geschäfte, Macht und Frauen ging. Der Beiname des Bischofs „der Schwellkopp“ bezog sich auf sein durch sehr viel Akne entstelltes Gesicht, was er gerne unter mehrere zentimeterdicken Schichten Schminke verbarg. Er hatte dadurch ein maskenhaftes und aufgeschwollenes Gesicht, was ihn ein ziemlich unheimliches Aussehen verlieh und hatte allein schon dadurch manchen Gegner in die Knie gezwungen.

Bei der entscheidenden Schlacht – oder besser einem Scharmützel – vor den Toren der Stadt zwischen kleineren Verbänden des Bischofs und der Truppe des Grafen Schwitz-Schwitzenstedt verlor Oleg Gabor II. bei einer vehementen Attacke seines Großneffen die an der frischen Luft zur Maske verfestigte Schminkpampe, die sich von seinem Gesicht gelöst hatte und trotz des Kampfgetümmels am Boden nicht zersprang. Nicht einmal die Hufe der Pferde konnten dieser dicken, elastischen Maske etwas anhaben, während der Bischof sogleich sein Gesicht mit einem Tuch verdeckte, seine zehnköpfige Schar sofort zum Rückzug aufforderte und den Kampf aufgab. Blasius, der vor Freude ob dieses Sieges, seinem Spitznamen „der Stinker“ alle Ehre machte und den letzten kampffähigen feindlichen Reiter mit einem kräftigen Furz vom Pferd pustete, beugte sich nach der mehrere Kilo schweren Maske und führte sie triumphierend bei sich, als er als Sieger die Stadt am Rhein betrat. Es war schon fast Nacht, aber die Einwohner der Stadt traten vor ihre Häuser und huldigten sicherheitshalber dem Sieger, der immer wieder: „Die Stadt ist meins“, glücklich und lachend den Menschen in den Gassen der aufstrebenden Stadt zu schrie.

Die Maske des Bischofs übergab Blasius dem Bürgermeister, der ihm seinerseits die Schlüssel der Stadt überreichte.

Meins, meins“, rief der Graf ohne Unterlass und kostete seinen Sieg mit einem rauschenden Fest mit viel Wein und zentnerschweren Weibern, wie er sich ausdrückte, aus.

Ein Mönch, der als Chronist und Schreiber für den Grafen fungierte, namens Rosimund vom Berg, hielt die Ereignisse dieses Tages in den Chroniken der Grafen Schwitz-Schwitzenstedt fest und nannte dort die Stadt – war es Zufall, Dummheit oder Kalkül? – nach den freudigen „Meins“ des Grafen Blasius, Mainz. Auch „Fastnacht“ als Zeitpunkt dieses Triumphs notierte er geflissentlich.

Als im darauf folgenden Jahr Karneval gefeiert wurde und Blasius Graf Schwitz-Schwitzenstedt an der Prunksitzung des ortsansässigen Karnevalvereins teilnahm, hieß das Motto der Veranstaltung: „Mainz bleibt Mainz wie es stinkt und lacht“ und erinnerte andächtig an die herausragenden Eigenschaften und den Sieg des Grafen über den Bischof. Ebenso wie die für die Mainzer schönste Zeit des Jahres nach den Aufzeichnungen Rosimunds von den Bürgern nun Fastnacht genannt wurde. „Der Stinker“ war glücklich und als die feiernden Menschen fröhlich durch die Straßen zogen, setzten sie sich erstmals – der Maske des Bischofs Olav Gabor II. nachempfunden – Schwellköppe auf, die aus Papier gefertigt, damals einige Jahre während der Fastnacht gern getragen wurden. Die überdimensionalen Schwellköppe, die satirisch überspitzt spezielle Charaktere der Mainzer Bürger zeigen, wurden viele Jahrhunderte später wieder neu entdeckt und sind ein wichtiger Teil der traditionellen Mainzer Fastnacht.



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