Leipzig und der Maler


Paulchen Baron Rundschnitt war Rittergutsbesitzer mit großen Ländereien, hatte aber von der Landwirtschaft keine Ahnung. Stattdessen liebte er die Kunst und hier besonders die Malerei. Er lud in unregelmäßigen Abständen bekannte Künstler ein, richtete Vernissagen aus oder stellte einige Räume seines Gutes für Kunstausstellungen zur Verfügung.

Eine heftige Nagelbettentzündung kurz vor seinem 35. Lebensjahr im Jahre des Herrn 1150 und anschließend auch noch ein widerlicher Fußpilz, der ihn wieder gnadenlos auf das Krankenlager warf, ließen ihn über sein bisheriges Leben nachdenken. Das Gut und alles andere hatte er von seinen Vorfahren geerbt und selbst bis auf sein Mäzenatentum nie etwas Sinnvolles getan. So beschloss er nach der Genesung sich als Künstler zu versuchen. Er begann nun zu malen und nahm nebenbei Unterricht bei dem großen sächsischen Fassadenmaler Dimitri Schulz dem Jüngeren. Am Monatsende, wenn Dimitri Schulz seine Gage bekam, bescheinigte er seinem Schüler Talent zu haben, obwohl er dabei immer etwas spöttisch dreinblickte. Nach einem halben Jahr Unterricht gab der Meister seinem Schüler eine wunderbare Aufgabe. Baron Paulchen sollte selbständig ein Schlachtengemälde von der Idee bis zur Ausführung anfertigen. Aufgeregt begann Baron Rundschnitt historische Bücher zu wälzen und entschied sich für eine Schlacht, die vor gut 1000 Jahren zwischen den Römern und den Markomannen stattgefunden hatte. Als er vor der Leinwand saß, fehlte ihm vollkommen die rechte Inspiration. Er konnte aus der Vorstellung heraus einfach nicht malen. Der Baron war verzweifelt, aber Dimitri Schulz der Jüngere kannte die Lösung. Es fehlten Modelle. Geld spielte für den Jungmaler keine Rolle und so engagierte er für sein Vorhaben fünfzig Männer, die dem Künstler Tag und Nacht zur Verfügung stehen mussten und die er auf seinem Gut unterbrachte und versorgte. Als sie das erste Mal in Kampfposen auf dem Rasen vor seinem Gutshaus standen, regte das seine Phantasie immer noch nicht ausreichend an. Erst als auch historische Waffen und altmodische Bekleidung aus einem Theaterfundus besorgt worden waren, konnte sich Paulchen Baron Rundschnitt an seine Staffelei setzen und mit dem Malen beginnen. Für die Modelle war es ein harter Job, da sie ihre Position nicht verlassen durften. Geschlagene sechs Wochen malte der Baron an dieser Schlachtenszene, aber das Ergebnis befriedigte weder ihn noch Dimitri Schulz. Trotzdem zweifelte Paulchen Baron Rundschnitt nie an seinem Talent. Die Modelle, die nach dem Ende des Posings allesamt zur Lymphdrainage mussten, waren mit ihrer Entlohnung und der Verpflegung auf dem Gut sehr zufrieden und als der Baron von einem neuen Projekt sprach, blieben die Männer, denn die meisten von ihnen hatten vorher noch nie so einen gut bezahlten Job gehabt. Es ging um eine Massenszene mit viel nacktem Fleisch. Die Männer brachten nun ihre Familien mit zum Gut, da jetzt auch weibliche Modelle benötigt wurden. Das Gut platzte bald aus allen Nähten und so ließ der wohlhabende Baron Rundschnitt einige kleine Häuser aus Holz unweit des Gutes errichten und es entstand eine kleine Siedlung.

Dann machte sich der Baron an das neue Projekt, dessen Freizügigkeit bald die Kirche alarmierte.

Zig nackige Leiber“, meldete Pastor Dragutin Schamulski dem Bischof, der hochgradig entrüstet den Baron aufsuchte und von Unzucht und Unmoral sprach und um Aufklärung bat. Bischof Calixt II. der Bröckelnde – so genannt wegen seiner in vielen Schichten aufgetragenen Schminke, da er nach einer nicht ausgetragenen Pubertät stark unter Akne litt – warf nicht nur einen Blick auf die Leiberkomposition, die ihn maßlos beeindruckte und kurz über seine scheinbar verfehlte Berufswahl nachdenken ließ.

Das ist wahre Schönheit. Ein Kunstwerk Gottes, Schamulski“, sagte er, als er den makellos schönen Körper der Magdalena Reinheit wohlwollend und gleichzeitig fassungslos betrachtete.

Oder ein Werk des Teufels“, wollte der Pastor schon einwerfen, aber als er die strahlenden Augen des Bischofs sah, dessen Schminkfassade gerade vor Enthusiasmus kräftig bröckelte, verkniff er sich diesen Satz und blickte den hohen Kirchenfürsten demütig an.

Eine reichhaltige Spende an den Bischof half, dass Paulchen sein Projekt weiterführen konnte.

Das ist Kultur, Schamulski. Fast schon höhere Theologie“, sagte der Bischof später noch zu seinem Pastor, bevor er trunken von Magdalenas Schönheit wieder bedauernd abreiste.


Dem im Alter vollkommen verarmten Paulchen Baron Rundschnitt blieb leider bis zuletzt die Anerkennung als bedeutender Künstler verwehrt, während seine Siedlung wegen der Bezeichnung „zig Leiber“ merkwürdigerweise den Namen Leipzig bekam, da Pastor Schamulski bei seinen Sonntagspredigten immer wieder an Baron Rundschnitts sündiges Treiben erinnerte.


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