Konstanz und das Zeitmanagement
Der Alemanne Bodan lebte Anfang des 4. Jahrhunderts am wunderschönen Bodensee. Es waren damals harte Zeiten für einen Alemannen, der innerhalb der Grenzen des römischen Reiches lebte und für den Feind auch noch arbeitete. Denn die Alemannen hatten in ihrem Kampf gegen die Eroberer aus dem Süden noch nicht aufgegeben. Eigentlich war Bodan auch gegen die Römer, aber er hatte sich aus Bequemlichkeit den römischen Besatzern ergeben und war es zufrieden. Vorher arbeitslos, hob er nun Verteidigungslinien für das Imperium Romanum aus oder kellnerte bei einer der zahlreichen Feten der Eroberer.
Bodan bewegte sich immer im gleichen emotionslosen Tempo. Nicht einmal bei einem Wolkenbruch steigerte er seine Geschwindigkeit, sondern ging im für ihn normalen Rhythmus weiter. Auch bei einem der zahlreichen Angriffe der Alemannen auf die römischen Grenzbefestigungen steigerte er seinen etwas behäbigen, gleichmäßigen Bewegungsablauf nicht. Dabei war er in ständiger Gefahr, wenn er in Bereitschaft für die Truppen am Boden kauerte, um einen verletzten römischen Kämpfer zum Sanitäter zu bringen oder einem Soldaten ein neues Schwert oder eine Lanze zu reichen.
Aber sein emotionsloses Tempo barg auch Vorteile. Denn die römische Administration erkannte relativ schnell die Möglichkeiten, die Bodan ihr bot, um die Organisation für die römische Festung neu zu strukturieren. Sie setzte einen wissenschaftlichen Zeitnehmer auf ihn an, der genau protokollierte, wann und wo Bodan was tat. Im Zusammenhang mit der Sonnenstellung und den jeden Tag absolut gleichen Bewegungen und Tätigkeiten des Alemannen, erstellte Augustulus Spekulatius für das Römische Weltreich eine erste umfassende Analyse. Das Zeitmanagement war geboren und die Ergebnisse waren faszinierend.
Bodan ging täglich Punkt 07.00 Uhr zum Waschtrog für die Söldner und Arbeiter, um 07.10 Uhr nutzte er den Donnerbalken, der außerhalb der Festung lag, betrat diese wieder um 07.25 Uhr. Um 07.30 Uhr meldete er sich bei seinem Centurio Lucullus Pastatius um Arbeitsanweisungen zu erhalten und so ging es bis in die Abendstunden weiter. Um 21.00 Uhr hatte Bodan Feierabend und betrat dann immer um 21.05 Uhr seine kleine, aufgeräumte Hütte, die an der Befestigungsanlage lehnte und verließ diese bis Punkt 07.00 Uhr nicht. Auch wenn die Alemannen die Römer mal wieder belagerten, hielt er natürlich an seinem Gang zum Donnerbalken fest, der ja außerhalb der geschützten Mauer lag. Aber es war nicht gefährlich, da die Angreifer diesen Vorgang als zwingende Notwendigkeit ansahen, die weit wichtiger als selbst der Krieg war. Die angreifenden Alemannen respektierten die Entsorgungszeiten ihrer Landsleute, da sie diese besondere Schwäche für alles Sanitäre hatten und schon damals ihre Entsorgungsstationen zu wahren Schmuckkästchen gestalteten, die im Ambiente selbst den heutigen Keramikstudios durchaus das Toilettenwasser reichen konnten.
Augustulus Spekulatius, der das Zeitmanagement praktisch erfand, legte seine Ergebnisse der Administration vor, die sofort mit der Umsetzung begann und die Organisation der Truppe vollkommen umgestaltete.
Niemand war so konstant in seiner Leistung – in seinem ganzen Leben – wie Bodan, dem diese Konstanz eines Tages zum Verhängnis wurde. Unter den freien Alemannen hatte er einen alten Konkurrenten, Unterhäuptling Bobbele, der Bodan einst in einem Wettkampf bei der Sportveranstaltung „Alemannen für Olympia“ unterlegen war. Diese Niederlage gegen den behäbigen Bodan konnte der stolze Bobbele einfach nicht verwinden. Beim Finale „5 km Schneeschippen“ hatte der Unterhäuptling ein irrsinniges Tempo vorgelegt und lag weit vor Bodan, als bei Bobbele langsam die Kräfte nachließen und der wie in Trance, wohl langsam, aber gleichmäßig arbeitende Bodan – ohne sein Tempo jemals gesteigert zu haben – immer näher herankam. Und bei der vorletzten Schippe Schnee war die Sensation perfekt, als – mit nur leicht gerötetem Gesicht, das nicht der Anstrengung sondern dem kalten Wind geschuldet war – Bodan den mächtig schwitzenden Bobbele überholte und im Zieleinlauf einen Meter Vorsprung hatte. Und diese Schmach fraß die Seele des Unterhäuptlings auf, der einen Donnerbalken-Besuch Bodans hinterrücks ausnutzte und ihn einen tödlichen Pfeil in den Rücken jagte.
Die Halbinsel auf der Bodan ermordet worden war, wurde darauf nur noch Bodanrück genannt. Und die römische Multikulti-Siedlung, die sich im Schutze der Mauern gebildet hatte, erhielt im Angedenken an den ersten analysierten und konstantesten Menschen, den die Welt je gesehen hatte, den Namen Konstanz.