Karlsruhe und der Wandergesell
Anfang des 18. Jahrhunderts lebte im
Badischen der Schneidergeselle Karl Butzemann, der trotz seines noch
jugendlichen Alters immer sehr bedächtig wirkte. Entsprechend war auch
sein Arbeitstempo, aber dafür entschädigte die Qualität seiner
Näharbeiten Meister Pavel Piepmüller. Karls einzige Leidenschaft war
das Essen, das ihn aber immer dicker werden ließ. Bald konnte er seine
Näharbeiten nicht mehr im Schneidersitz ausführen und saß untypisch auf
dem Sofa in der guten Stube seines Meisters. Aber als auch noch seine
Finger anschwollen, er richtige Wurstfinger bekam, die für Nadel und
Faden nicht mehr geeignet waren, war es mit seinem schönen Leben als
Schneidergeselle vorbei. Der Meister konnte ihn nicht mehr gebrauchen
und schickte ihn mit großem Bedauern fort. Karl Butzemann, der im Hause
Piepmüllers gelebt hatte, packte seine Sachen, die bequem in einen Sack
passten, bekam seinen Lohn und verließ die Schneiderei und auch die
kleine Stadt.
Bedächtig und langsam begab er sich
auf Wanderschaft, denn Hektik und Eile waren Fremdworte für ihn. Kaum
schneller als eine Schnecke durchwanderte er ziellos das badische Land.
Trotz seines nun kargen Lebens wurde
er nicht dünner. Nachts schlief er in Scheunen oder unter Bäumen.
Eigentlich gefiel ihm dieses ungezwungene Leben, so ganz ohne Druck,
dem er sowieso nie nachgegeben hatte. Wenn er ein Dorf oder ein
einsames Gehöft erreichte, schaute Karl Butzemann auch manchmal traurig
durch die Fenster in die Häuser hinein und beobachtete seine
Mitmenschen, die, wenn sie ihn entdeckten, mächtig erschraken, denn er
sah wie ein zerlumpter Räuber aus – ein Strauchdieb eben, wie manche
sagten. Er wurde zum Schreckgespinst und Waldgeist. Einige Jahre später
diente der arme Karl als Vorlage für die Sagengestalt des
Bi-Ba-Butzemanns, obwohl dieser, soll man dem Liede Glauben schenken,
eher einen großen Bewegungsdrang hatte, was Karl nun wirklich nicht
nachgesagt werden konnte. Aber es gab auch Menschen, die für Karl
Mitleid empfanden und ihn gegenüber mildtätig waren, sonst lebte er von
dem, was ihm die Natur gab.
Butzemann wurde mit den Jahren immer
scheuer und sprach nicht mehr, sondern knurrte nur noch zustimmend oder
ablehnend. Er wanderte immer langsamer und nicht einmal gewaltige
Regenschauer trieben ihn zur Eile an, um ein schützendes Dach zu
finden. Nichts ging ihn über seine Ruhe. Sein Haar war vollkommen
verfilzt und in seinen tiefen, wettergegerbten Gesichtsfalten wuchsen
Moose und Flechten.
Eines Morgens – er muss um die 50
Jahre alt gewesen sein – hatte Karl einfach nicht mehr die Lust
aufzustehen. Er blieb unter einem Eichenbaum liegen, starrte in den
Himmel und schloss die Augen.
Einige Tage später stolperte zufällig
die wandernde stellvertretende Leiterin der Image-Kampagne „Wir
Badenser sind nicht geizig“ Hertha von Buchsbaum, eine Halbitalienerin
aus der Badischen Schweiz, über den liegenden Karl. Sie hatte ein
mildtätiges Herz und gründete eine kleine Hilfsorganisation zur Rettung
Butzemanns. Sie sammelte Lebensmittel und Bekleidung und kam regelmäßig
zum Eichenbaum und stopfte dem guten Karl Brot- und Speckstückchen in
den Mund. Und bevor sie ging, deckte sie ihn noch liebevoll zu. Karl
dankte ihr jedes Mal mit einem kleinen Bäuerchen, blieb aber weiterhin
bewegungslos liegen. Die Monate vergingen und Hertha dachte schon über
eine Heirat mit Karl Butzemann nach, als sie sich bei einem Auftritt
des Männergesangsvereins „Dicke Lippe e. V.“ in Durlach bei
Fanausschreitungen verletzte und vier Wochen ausfiel. Als sie dann
endlich wieder voller Freude zu Karl ging, war er vollkommen von Kraut
und Baumwurzeln überwuchert. Auf ihre verzweifelten Rufe hin reagierte
er nicht mehr. Karl Butzemann hatte seine Ruhe im Hardtwald bei Durlach
gefunden.
Hertha von Buchsbaums
Kreativ-Direktor Plinius Theodor Graf Weißwein, der auch einer der
Mildtäter Karls gewesen war, nutzte die Situation für seine
Anti-Geiz-Kampagne und ließ über der Grabstelle Karl Butzemanns eine
Kapelle zum Angedenken an den berühmten Wanderer errichten. Die
Trauerfeier – musikalisch begleitet vom Männergesangsverein „Dicke
Lippe e. V.“ – wurde zu einem wahren Volksfest, in deren Folge einige
Schnapsleichen, die kein Taxi mehr bekommen konnten, die Stadt
Karlsruhe gründeten.