Itzehoe und die Geschwister
Die Geschwister Iwan und Friederike Hoe lebten auf einem Hof an der Stör im hohen Norden. Ihre Eltern waren einfache Bauern, die sehr hart arbeiten mussten um die Familie durchzubringen. Um das Jahr 980 waren die Geschwister um die 17 Jahre alt und arbeiteten jeden Tag auf den Feldern. Eine Schule gab es nicht. Aber besonders Friederike, die Itze genannt wurde, erwies sich als sehr intelligentes Kind, das sehr viel Phantasie besaß und sich Geschichten nur so zum Spaß ausdachte. Der Pfarrer Mustafa Diercks begann eines Tages sich um die Kinder der Bauernhöfe zu kümmern und ihnen Bildung nahe zubringen. Itze saugte alles auf und lernte beim Pfarrer sogar etwas Lesen und Schreiben und studierte die Bibel, denn ein anderes Buch gab es nicht. Als Mustafa Diercks versetzt und ein neuer Pfarrer in die Gegend kam, der sein Hauptaugenmerk auf den kirchlichen Gesang legte und lieber mit älteren Damen wenig erbauliche Choräle einübte, als sich mit der Jugend zu beschäftigen, war das kleine Projekt Schule gestorben und Itze Hoe übernahm es ihren Bruder und den Nachbarskindern Lesen und Schreiben beizubringen. Friederike entwickelte sich zu einer wahren Pädagogin, die das Talent hatte ihren Mitmenschen fast schon spielerisch Bildung zu vermitteln. Und immer wieder nutzte sie ihre Phantasie und erfand entsprechend zum Unterrichtsstoff passende Geschichten, worauf sich die Schüler regelrecht freuten. Schließlich begann sie diese Geschichten auch niederzuschreiben. Der Unterricht fand im Ziegenstall der Familie Hoe statt, wo auch ihr etwas kränklicher Bruder Iwan, der ein richtiger Träumer war, vom Enthusiasmus seiner Schwester profitierte. Iwan wurde kurz vor seinem 18. Geburtstag schwer depressiv, weil sich bei ihm kein Bartwuchs einstellen wollte, denn seine Freunde gaben mit ihren Bärten mächtig an und spotteten über sein Mädchengesicht, wie sie immer sagten. Um den Bartwuchs anzuregen halfen dem jungen Mann nicht einmal die bekannten Hausmittelchen. Er schaute täglich in den Spiegel und suchte sein noch kindliches Gesicht penibel nach Barthaaren ab, aber er wurde nicht fündig. Seine Schwester hielt ihn mit äußerst phantasievollen Heldengeschichten, in denen Iwan selbst der Held war, noch bei Laune. Diese glorreichen Erzählungen ließen ihn jedes Mal strahlen und gaben ihm Kraft für den Kampf gegen seine Depression. Aber als er den Beginn von Geheimratsecken in seiner Frisur auszumachen meinte, fiel er noch tiefer in seine Depression und benötigte nun schon mehr als nur eine Heldengeschichte von Itze um sich wieder etwas aufrichten zu können.
Übrigens wurden die so genannten Geheimratsecken das erste Mal in der Menschheitsgeschichte von einem gewissen Geheimrat Trutz Erwin Freiherr von Locke als solche definiert und in einem Wissenschaftsmagazin publik gemacht. Er, der sein ganzes Leben gegen Haarausfall und Schuppen gekämpft hatte und nebenbei den Läusekamm erfand, wurde selbst depressiv, als auch sein Toupet unter Haarausfall zu leiden begann. Irgendwann hatte er genug und knüpfte eines Tages bunte Bändchen in sein ihm verbliebenes Resthaar und wählte sang- aber nicht klaglos mit einer Kleiderbürste in der Hand, um sich noch ein letztes Mal die Schuppen von seinen Schultern zu bürsten, den Freitod.
Landgraf Mandus der Große von Holstein erfuhr von der pädagogischen Leistung Itzes und ernannte sie an einem schönen Sommertag zur Lehrerin für den Bereich Stör und schrieb sogar ein kleines monatliches Salär für die junge Frau aus. Während Iwan seine Depression einfach nicht in den Griff bekam, war seine Schwester Friederike bald eine angesehene Bürgerin, der es sogar gelang den neuen Pfarrer Klausdieter Sündenmeier in den Lehrunterricht mit einzubinden, der dann Religion und Musik gab.
Erst als sich an Iwans 32. Geburtstag ein leichter Flaum in seinem Gesicht zu zeigen begann, den er sogleich als beginnenden Bartwuchs freudig begrüßte, ließen seine Depressionen schlagartig nach und Itzes mehr als einhundert Heldengeschichten wanderten in das Archiv der Kirche. Leider wurden die Geschichten Itzes eines Tages bei einem Brand im Pfarrhaus vernichtet. Mit Brand war hier aber kein Feuer gemeint, sondern der Brand des Pfarrers nach einer Nacht des zügellosen Alkoholexzesses, während er voller Inbrunst, aber geistig verwirrt, alle Papiere, die in seinem Büro lagen, spazieren gehend im nahe gelegenen Wald verteilte und in den Himmel schrie: „Du, Macker, da oben, was kostet die Welt?“ und ein aufkommender Sturm und gewaltige Regenfälle ein Wiederbeschaffen der wunderbaren Geschichten unmöglich machten.
Sir Walter Scott adaptierte Jahrhunderte später die mündlich überlieferten Heldengeschichten Itzes und transferierte ihren Helden als Ivanhoe auf die britische Insel.
Der Ziegenstall der Familie Hoe entwickelte sich zunehmend zur hochrangigen Bildungsstätte, der eines Tages auch das Zentrum eines neuen Ortes wurde, der den Namen Itzehoe nach der rührigen Lehrerin erhielt.