Hildesheim und der Macho


Hilde von Blasewinckel betrieb im 9. Jahrhundert an einem namenlosen Fluss im heutigen Südniedersachsen ein Heim für geschundene Kreaturen. So befand sich nicht nur ein alter Reitesel, sondern auch ein ehemaliger Lehramtsanwärter, der an dem Burning-out-Syndrom litt und dem Reitesel sehr ähnlich sah, unter ihren Schutzbefohlenen. Hilde war voll entwaffnender Offenheit und besaß ein großes Sendungsbewusstsein, wenn es um Gott und die Religion ging. Sie war ständig auf der Suche nach Sponsoren für ihr Heim und lernte so eines Tages den Journalisten Fürchtedich Schwarzmeier kennen, der für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften schrieb. Schwarzmeier und Hilde von Blasewinckel konnten sich von Anfang an nicht leiden. Sie war eine selbstbewusste Frau, die sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau einsetzte, während er den Mann für das absolute Nonplusultra der Schöpfung hielt und Frauen eigentlich nur in der Küche, im Kindbett und vielleicht noch in der Kirche sehen wollte. Fürchtedich Schwarzmeier war dafür verantwortlich, dass in der deutschen Sprache die Unterschiede zwischen Mann und Frau schon in der Anrede eine gewisse Gleichberechtigung ausschlossen. Er wählte nicht die Kombination Herr und Dame oder Mann und Frau, sondern entschied sich bewusst für die Kombination Herr und Frau, was für Hilde an sich schon eine Diskriminierung war.

Ein Mann wird mit Herr angeredet, weil er die Krönung der Schöpfung ist. Herr, Herrgott, herrschen, herrlich“, so redete Schwarzmeier immer.

Und gegenüber Hilde äußerte er sich, dabei überheblich grinsend, einmal so: „Dame als Anrede für eine Frau wäre unmöglich, Frau oder Fräulein von Blasewinckel, denn Dame kommt von dämlich. Und Dämlein? So wollen sie doch unmöglich angeredet werden, gell?“

Männlein Schwarzmeier …“

Herr Schwarzmeier, bitte!“

Sind sie verheiratet?“

Nein“, antwortete Fürchtedich Schwarzmeier so galant er konnte.

Also, Männlein Schwarzmeier, sie sind ein Übelbert.“

Mehr wollte sie nicht sagen, um ihre Damenhaftigkeit nicht zu verlieren. Verstimmt verließ er die Soiree, deren Einnahmen ihrem Heim zu Gute kommen sollten. So endeten ihre Zusammenkünfte immer im Streit.

Übelbert galt damals als Schimpfwort, weil ein gewisser Übelbert Motzmann, der als persönlicher Nachttopfverantwortlicher des Herzogs Aristides II. Angst um seinen Job hatte, da am Hofe Kurzarbeit drohte und er darob heimlich seinem Chef Abführmittel in sein Essen mischte, um sich unentbehrlich zu machen. Und es gelang, denn ständig war er mit dem Nachttopf von Herzog Aristide II. unterwegs. Aber der Herzog hatte ohne Wissen seiner Bediensteten eine Agentur eingeschaltet, die seine Mitarbeiter überprüfen sollten und Übelberts Machenschaften schließlich aufdeckten. Der Herzog war wie befreit und entließ seinen Nachttopfversorger mit Schimpf und Schande. Übelbert Motzmann fand nie mehr Arbeit und kam als gebrochener Mann über Umwege in Hildes Heim.

Schwarzmeier, damals um die vierzig Jahre alt, der sich allzeit als Macho und Frauenkenner präsentierte, war eigentlich genau das Gegenteil eines harten Kerls. Bei jeder kleinen Unpässlichkeit nahm er Medikamente ein und jammerte wie ein kleines Kind. Außerdem trug er heimlich Strumpfhalter und ganzjährig lange Unterhosen. Und an seinem Oberlippenbart hatte er viele Jahre sehr lange gespart, um ihn annähernd sichtbar zu machen, während Hildes Damenbart von einer beeindruckenden Dichte war. Und während er seine lückenhaften Augenbrauen heimlich mit einem Kohlestift nachzeichnete, zog die fast gleichaltrige Hilde von Blasewinckel sich störende Nasenhaare mit einem kräftigen Ruck heraus.

Sie, die ebenfalls nicht verheiratet war, war als Tochter des Industriellen Manolo von Blasewinckel geboren worden, der als erster Geschäftsmann Rüstungen für Panzerreiter auch in Übergrößen produzierte und als Vater des Dosenöffners angesehen werden muss. Denn oft verbeulten die Rüstungen bei den Kämpfen so stark, dass die Panzerreiter sich nicht mehr selbst von ihrem Schutzpanzer befreien konnten und Hilfe vonnöten war. Da kam dann Manolo von Blasewinckels Panzeröffner zum Zuge, der viele Jahrhunderte später den Konserva Franz-Joseph dazu inspirierte einen ersten Dosenöffner für die Hausfrau von morgen zu entwickeln.

Eines Tages brannte Hildes Heim bis auf die Grundmauern nieder. Ob der Reitesel oder der ihm ähnlich sehende Lehramtsanwärter, der übrigens Pavel Lundström hieß, oder gar Übelbert dafür verantwortlich waren, konnte nie geklärt werden. Verbittert, unversichert und von der Welt enttäuscht, ging Hilde von Blasewinckel in ein Kloster. Während Fürchtedich Schwarzmeier kurz darauf bei der Weiberfastnacht statt seiner Krawatte seinen Schniedel verkürzt bekam. Gerüchten zufolge soll eine Nonne das Messer geführt haben. Er überlebte und schloss sich einem Knabenchor an. Auf den Grundmauern des Heims entstand einige Jahre nach diesen Ereignissen eine Siedlung, die natürlich Hildesheim genannt wurde. Nach einem Ausspruch Hildes, den sie bei den seelsorgerischen Sitzungen mit ihren Heimbewohnern immer wieder gern zitierte: „Du musst dein Innerstes nach Außen kehren“, erhielt der Fluss den Namen Innerste.



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