Friedrichshafen und der Bauernsohn
Friedrich
Zweifle war der dritte Sohn eines armen Bauern aus Württemberg. Schon
als Junge träumte er von fremden und fernen Ländern und vom Meer. Als
sein Vater hochbetagt starb, wurde Dankbert, der älteste der Söhne der
neue Bauer auf dem Hof und Siegward, der mittlere heiratete auf einen
Nachbarhof ein. Auf Friedrich, der wegen seiner Träumerei als sehr
verschroben galt, obwohl er ein sehr netter Mensch war, wartete keine
Hoferbin und als Dankbert Vater geworden war, war auf dem Hof kein
Platz mehr für ihn.
So packte der
unbedarfte Friedrich Zweifle – gerade 59 Jahre alt geworden, eines
Frühsommertages Anfang des 9. Jahrhunderts – sein Bündel und zog in die
Welt hinaus. Er wollte zum Mittelmeer und wanderte rüstig in Richtung
Süden.
Überraschend
schnell erreichte er ein großes Gewässer und fragte einen Bauern, der
in Ufernähe mühsam ein Stück Land beackerte: „Ist das das Mittelmeer?“
Der Bauer schaute ungläubig, aber amüsiert und nickte.
Friedrich Zweifle, der nie über den elterlichen Hof und das in der Nähe liegende Dorf hinausgekommen war, war glücklich.
„Ich bin am Mittelmeer“, frohlockte Friedrich und wanderte nun weiter am Ufer entlang.
An einer
besonders schönen Bucht ließ sich der Mann nieder und erbaute geschickt
ein kleines, aber feines Holzhaus. Er ging fischen oder sammelte
Früchte im Wald und war zufrieden mit sich und der Welt. Friedrich
führte ein geruhsames Leben, bis der Händler Franziskus Buchhorn für
Unruhe sorgte. Dieser hatte nur seine Handelsgeschäfte im Kopf und war
immer auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. Und die Bucht hatte es
ihm angetan. Zuerst wohnte Buchhorn als Untermieter, der sogar manchmal
seine Miete zahlte, bei Friedrich, bis er sich, nur einen Steinwurf von
Zweifles Heim entfernt, ein Haus errichten ließ. Franziskus Buchhorn
war der geborene Geschäftsmann und zog die Handelsgeschäfte, sowie
andere Kaufleute und Handwerker nur so an. Innerhalb kürzester Zeit
wurde der Ort zu einer blühenden Handelsstadt, deren ungekrönter König
Buchhorn war und der schließlich der Stadt seinen Familiennamen als
Ortsnamen vermachte. Und Friedrich Zweifle, der fast den ganzen Tag von
fernen Ländern träumend am Ufer saß und den wirtschaftlichen Aufschwung
und die aufkommende Hektik zu ignorieren schien, bekam von Buchhorn
ungewollt einen Job, den er nicht ablehnen konnte. Friedrich wurde zum
Hafenkapitän ernannt und musste sich um die kleinen Handelsschiffe
kümmern, die Buchhorn anliefen. Denn Franziskus hatte zur Stärkung des
Standortes Buchhorn, wie er immer betonte, einen kleinen Hafen bauen
lassen und handelte nun auch verstärkt mit Italien. Der
Warenumschlagsplatz war nur klein, aber die Geschäfte brummten ganz
enorm. Zweifle kassierte von jedem Schiffskapitän eine Hafengebühr, die
in der Kasse des Kaufmanns Buchhorn landete. Die Schiffe segelten nach
Bregenz, Konstanz, Radolfzell oder Aeschach. Für den unbedarften
Bauernsohn lagen diese Hafenplätze alle am Mittelmeer und nie hegte er
einen Zweifel daran. Franziskus war mit Friedrich sehr zufrieden und
besorgte ihm eines Tages eine Dienstuniform, die Zweifle bis an sein
Lebensende nicht mehr ablegte. Auch als es mit Friedrich zu Ende ging,
nahmen ihm seine Mitbürger nicht die Illusion am Mittelmeer gelebt zu
haben. Dass er am wunderschönen Bodensee Hafenkapitän gewesen war und
es nicht gewusst hatte, erschütterte niemanden, denn er starb trotz
allem als geachteter Mann, den seine Mitmenschen sehr gemocht hatten.
Franziskus
Buchhorn, der begehrteste Junggeselle weit und breit und ständiger
Sieger bei der Wahl zum bestangezogenen Mann des Jahres, der dem
modernen Beinkleid – so wie er es trug – eine ganz eigene Note verlieh,
heiratete erst im Greisenalter und sorgte damit dafür, dass der schon
erwachsene Sohn seiner handfesten Pflegerin und Gemahlin, als
Investmentbanker mit viel – auch fremden – Geld spielen konnte. Dieser,
Dagobert Giermann, gilt als Erfinder der „Boni“ für Banker, obwohl es
damals noch „Bohni“ geschrieben wurde, denn die wohlhabenden Großbauern
belohnten ihn gerne mit Säcken voller Bohnen, die er auch sehr gerne
aß. Auf die Auswirkungen auf seine Verdauung soll jetzt nicht näher
eingegangen werden.
Die Stadt
Buchhorn wurde in den folgenden Jahrhunderten zu einem wohlhabenden Ort
und zur Freien Reichsstadt. 1811 kam es zum Zusammenschluss Buchhorns
mit dem Nachbardorf und Kloster Hofen und es wurde ein neuer,
gemeinsamer Name gesucht. Die Stadtväter Buchhorns erinnerten sich an
den ersten Bewohner der Stadt am Bodensee, Friedrich Zweifle, und
nannten die neue Stadt, um auch die Bedeutung des Ortes als Hafenplatz
am Bodensee zu unterstreichen, nun Friedrichshafen.