Freiburg und der Billigdiscounter
Zwischen dem Schwarzwald und den Oberrheingraben lebte Ende des 11. Jahrhunderts der Straßenhändler Otto Handtuch. Er war noch sehr jung und voller Pläne. Er handelte mit Dingen des täglichen Bedarfs, besuchte die Bauernhöfe und bot seine Waren feil, die hauptsächlich aus Töpfen, Lockenwicklern und Wundsalben bestanden. Er nahm aber auch Bestellungen an und schärfte die Haushaltsmesser als Scherenschleifer. Wegen eines kleinen Unfalls, als er in einen steinigen Bach fiel und sich das Kreuz- und Querband riss, sowie weiterer kleiner Blessuren, die ihn Hofhunde zufügten, die ihn mit einem verhassten Postboten verwechselten, hatte er bald genug vom Umherziehen. Auf einem Berg fand er sein neues Zuhause. Er hatte von dort eine wunderbare Aussicht auf den Schwarzwald und verwandelte die vorhandene Hütte in ein kleines schmuckes Häuschen. Dann zimmerte er sich einen großen Ausstellungstisch um seine Waren schon draußen vor der Haustür präsentieren zu können. Seine Artikel kaufte er von einem Grossisten aus Stuttgart, den er von Jugend auf gut kannte. Bronto Schulz und er hatten gemeinsam im selben Verein beim Pudel-Weitwurf – eine neue Trendsportart, die vom „Deutschen Schäferhundverband“ erfunden wurde – neue Rekorde aufgestellt, wobei Bronto, der eigentlich Dimitri hieß, der absolute Burner in dieser Sportart war. Nach und nach erweiterte Otto Handtuch sein Sortiment und im gleichen Maße nahm auch die Anzahl seiner Kunden zu. Er bot nun auch Mieder- und Strickwaren, sowie Süßigkeiten für die Kleinen an und viele Bäuerinnen machten mit ihren mürrischen Männern des Öfteren eine Einkaufstour und besuchten Handtuchs Laden. Bald konnte man auch Pflegemittel für die Frau und den Haushalt bei ihm bekommen und sein Haus wurde für sein umfangreiches Sortiment zu klein. Er baute an und setzte ein außergewöhnlich großes Fenster für den neu gestalteten Verkaufsraum ein. Carla Maria Weichmann von einem benachbarten Hof erfand bald darauf das Windowshopping, was dem Kaufmann nicht unbedingt gefiel, denn sie und ihre Nachahmerinnen flanierten an seinen draußen dargebotenen Artikeln und am Fenster vorbei, schauten sich die Waren zum Vergnügen an und gingen dann auch mal von dannen, ohne etwas gekauft zu haben. Aber trotzdem florierte sein Geschäft ganz ausgezeichnet. Ausgelöst durch dubiose Geldgeschäfte der Landesbischöflichen Kreditanstalt kam fast über Nacht eine große Wirtschaftskrise über das ganze Land. Und diese führte zu Umsatzeinbußen. Bronto Schulz und Handtuch entwickelten einen Rettungsplan, der ihnen wieder steigende Gewinne bescheren sollte. Motto: Anreiz schaffen! Otto Handtuch bot nun Billigartikel an, sei es Haarspangen, Gürtel oder auch mal ein Nudelholz, die preislich weit unter dem Herstellungspreis lagen und wo Verluste mit einkalkuliert waren. Aber erstens sollte das Minus durch die Masse und zweitens durch die überteuerten Mitnahmeartikel wieder ausgeglichen werden. Und schon rannten die Hausfrauen in seinen Laden und deckten sich mit den Billigartikeln ein und kauften natürlich auch die anderen Waren, so dass sich alles für Bronto Schulz und ihn wunderbar rechnete. So wurde Otto Handtuch zum ersten Billigdiscounter der Welt. Im Volksmund bekam sein Laden die Bezeichnung Billigburg. Burg, weil sein Geschäft durch die ständigen Erweiterungen fast wie eine Burg aussah.
Als er sich 5 x 5 cm-Miniatur-Ölbilder mit dem Motiv „Röhrender Hirsch des Schwarzwalds“ von dem bekannten Künstler Lukas Habacht den Jüngeren malen ließ, ging es mit Otto bergab, denn Handtuch bot die Bilder zum Nulltarif an, um weitere Neukunden in seinen Laden zu locken. Da die Lehrersgattin Roswitha Keinmoos zeitgleich die Bewegung der Schnäppchenjäger begründete und die Losung ausgab: Kaufe nur einen Billigartikel und nehme das kostenlose Kunstwerk mit, machte sich dieses negativ in seinen Geschäftsbüchern bemerkbar. Das Gemälde wurde zum Renner und war bald aus den Regalen verschwunden. Durch die Erkrankung des Kunstmalers Lukas Habacht des Jüngeren, der durch die Massenproduktion, nachdem er bereits mehr als zweihundert Kopien seines Werkes angefertigt, sich eine langwierige Sehnenscheidenentzündung in der rechten Hand zugezogen hatte und Otto darob verfluchte, kam die Lieferung der Ölbilder zum Erliegen. Dabei hatte Handtuch einen Modetrend ausgelöst, weil plötzlich jeder unbedingt den „Röhrenden Hirschen“ in seiner Nasszelle hängen haben wollte. Seine Aktion: „Kunst für ihre Nasszelle! Kaufe einen Artikel und Du bekommst ein Ölgemälde kostenlos und umsonst dazu!“ wurde somit zum absoluten Desaster. Aus Verärgerung „den Hirschen“ nicht mehr kostenlos bekommen zu können, kauften die Kunden nicht mehr bei ihm ein. Eine Schadenersatzklage gegen den Maler hatte keine Aussicht auf Erfolg, denn dieser besaß nichts außer sich selbst, sein Wehklagen und viele amtliche Bescheide, die ihn verpflichteten zahlreiche Alimente – benannt nach „Ali the Man“, den ersten ausländischen Profisportler in Deutschland, der sich in allen Lebensbereichen als extrem leistungsstark erwiesen hatte – zu zahlen.
Als Bronto Schulz die Kredite sperrte, ging Otto mit seinem Laden in Konkurs. Otto Handtuch hatte sich verzockt. Der große Preisgau! Von der Welt enttäuscht wanderte Otto aus. Hausbesetzer nahmen seinen Laden in Besitz und eine kleine Siedlung entstand, die statt Billigburg – dank des freien Bildes – Freiburg genannt wurde und als die ganze Gegend nach dem fulminanten Aus für den Billigdiscounter im Volksmund spöttisch die Bezeichnung Preisgau erhielt, wurde es zu Freiburg im Preisgau. Einige Jahrhunderte später wurde durch den Fehler eines Mönchs bei der Abschrift einer Urkunde aus Preisgau Breisgau.