Flensburg und die Heulsuse


Lasse Johannsen war noch ein kleiner Junge, als er mit seiner Familie im 13. Jahrhundert an einer Ausbuchtung der Ostsee an der gewissermaßen fließenden Grenze zwischen Jütland und dem nördlichsten Punkt Deutschlands lebte. Er liebte es am Strand zu sein und Sandburgen zu bauen. Während sein älterer Bruder Ole lieber die selbst erfundene Sportart „Strandräuberball“ spielte. Der später als Beach-Volleyball bekannte Sport wurde mit einer mit Gras gefüllten Schweinsblase als Ball und einer Leine, über der man den Ball in das gegnerische Feld schlagen musste, gespielt. Leider platzte des Öfteren der Spielball, was dann meistens aus Mangel an einer griffbereiten aufblasbaren Ersatz-Schweinsblase zum Spielabbruch führte. Ole Johannsen war ein richtiger Sportsmann, sehr groß und kräftig für sein Alter, ausdauernd und schnell. Lasse war da ganz anders. Er saß stundenlang ruhig am Strand, beobachtete die Wellen und die Seevögel und vervollkommnete seine Sandburgen, bis sie der Wind oder das Meer mit sich fort trugen. Als Ole Johannsen durch einen kleineren Sportunfall gezwungen war eine Pause mit dem Strandräuberballspiel einzulegen, denn im 13. Jahrhundert gab es noch keine Sportmediziner oder Physiotherapeuten, die ihn schnell hätten helfen können, setzte er sich zu seinem Bruder in den Sand und versuchte sich auch an einer Sandburg. Aber er hatte nicht die Ruhe und das Talent seines Bruders, der richtige Burganlagen zu bauen im Stande war. Ärgerlich zerstörte Ole immer wieder vor Wut die wunderbaren Burgen Lasses, der darob jedes Mal bitterlich zu weinen anfing.

Nicht flennen, Kleiner“, herrschte ihn daraufhin Ole an, der Sorge hatte, dass die Eltern von seinen bösen Aktionen etwas mitbekommen könnten.

Heul doch, du alte Heulsuse“, sagte Ole meistens noch ärgerlich zu seinem Bruder, wenn dieser einfach kein Ende fand.

Geh doch zu denen und flenn’ dich da aus“, stichelte Ole weiter und wies auf ihre freundlichen, jütischen Strandnachbarn, die friedlich am Strand lagen und sich bräunen ließen.

Zu denen?“

Noch im gleichen Sommer kam ein schon älterer Mann an den besagten Strand und stellte sich allen als Reiseschriftsteller Konrad Habitus vor. Habitus stammte aus Süddeutschland und war erstmals im Norden und von der Ostsee ganz fasziniert. Die Brüder Johannsen boten sich dem Reiseschriftsteller als Fremdenführer an und zeigten Habitus sämtliche Sehenswürdigkeiten, inklusiv der Strandschönheit Katinka Most, die die Gegend zu bieten hatte.

Die Blondine Katinka wurde kurz darauf von dem berühmten Paderborner Couturier Jean-Marie Plaisier während dessen Urlaubs an der Ostsee entdeckt und arbeitete von nun an für ihn als Model. Plaisier ließ sie seine todschicke Nonnenmode auf den Catwalks dieser Welt vorführen. Später wechselte sie nach Gütersloh und wurde das Gesicht des Modemachers Jean-Ewald Baron Pupsdorf, den sie liebevoll Pupsi nannte, der für seine Krankenschwester- und Gouvernantenmode Berühmtheit erlangt hatte. Baron Pupsdorf – selbst vollkommen haarlos – gilt als Erfinder des Augenbrauenzupfens und der entsprechenden Gerätschaften mit denen sich noch heute die Damen quälen und die damals auch in Folterkellern freudvolle Anwendung fanden.

Konrad Habitus bestaunte auch Lasses Burgbaukunst, die er in Zeichnungen festhielt. Aber natürlich bekam der Schriftsteller auch die brutalen Attacken Oles auf die wunderbaren Werke Lasses mit. Ebenso nutzte Konrad die Zeit mit den jütischen Familien Kontakt aufzunehmen.

Als Konrad Habitus viele Monate später seinen Reisebericht schrieb, kreierte er, weil er die vielen Namen der winzigen Ortschaften – dort an der Ostsee – nicht notiert bzw. vergessen hatte, den Ortsnamen „Flensburg“, weil ihn das herzzerreißende Weinen – oder Flennen, wie sie dort sagten, des lieben Lasse Johannsen so sehr berührt hatte und er natürlich seine Sandburgen einfach großartig fand. Durch einen Schreibfehler bekamen unsere nördlichen Nachbarn auch noch gleich einen neuen Namen. Aus „denen“ vom Strand machte der eigentlich sehr kreative Habitus die „Dänen“. Ein peinlicher Fauxpas, der so für alle Zeiten übernommen wurde.




Startseite Würzburg Hamburg München Stuttgart Schweinfurt Mannheim Kassel Karlsruhe Frankfurt Bremen Leipzig Berlin Hannover Braunschweig Regensburg Soest Flensburg Wanne-Eickel Paderborn Friedrichshafen Hildesheim Zwickau Dortmund Freiburg Itzehoe Konstanz Unna Mainz Recklinghausen Rostock Impressum