Flensburg und die Heulsuse
„Nicht flennen, Kleiner“, herrschte ihn daraufhin Ole an, der Sorge hatte, dass die Eltern von seinen bösen Aktionen etwas mitbekommen könnten.
„Heul doch, du alte Heulsuse“, sagte Ole meistens noch ärgerlich zu seinem Bruder, wenn dieser einfach kein Ende fand.
„Geh doch zu denen und flenn’ dich da aus“, stichelte Ole weiter und wies auf ihre freundlichen, jütischen Strandnachbarn, die friedlich am Strand lagen und sich bräunen ließen.
„Zu denen?“
Noch im gleichen Sommer kam ein schon älterer Mann an den besagten Strand und stellte sich allen als Reiseschriftsteller Konrad Habitus vor. Habitus stammte aus Süddeutschland und war erstmals im Norden und von der Ostsee ganz fasziniert. Die Brüder Johannsen boten sich dem Reiseschriftsteller als Fremdenführer an und zeigten Habitus sämtliche Sehenswürdigkeiten, inklusiv der Strandschönheit Katinka Most, die die Gegend zu bieten hatte.
Die Blondine Katinka wurde kurz darauf von dem berühmten Paderborner Couturier Jean-Marie Plaisier während dessen Urlaubs an der Ostsee entdeckt und arbeitete von nun an für ihn als Model. Plaisier ließ sie seine todschicke Nonnenmode auf den Catwalks dieser Welt vorführen. Später wechselte sie nach Gütersloh und wurde das Gesicht des Modemachers Jean-Ewald Baron Pupsdorf, den sie liebevoll Pupsi nannte, der für seine Krankenschwester- und Gouvernantenmode Berühmtheit erlangt hatte. Baron Pupsdorf – selbst vollkommen haarlos – gilt als Erfinder des Augenbrauenzupfens und der entsprechenden Gerätschaften mit denen sich noch heute die Damen quälen und die damals auch in Folterkellern freudvolle Anwendung fanden.
Konrad Habitus bestaunte auch Lasses Burgbaukunst, die er in Zeichnungen festhielt. Aber natürlich bekam der Schriftsteller auch die brutalen Attacken Oles auf die wunderbaren Werke Lasses mit. Ebenso nutzte Konrad die Zeit mit den jütischen Familien Kontakt aufzunehmen.
Als Konrad Habitus viele Monate später seinen Reisebericht schrieb, kreierte er, weil er die vielen Namen der winzigen Ortschaften – dort an der Ostsee – nicht notiert bzw. vergessen hatte, den Ortsnamen „Flensburg“, weil ihn das herzzerreißende Weinen – oder Flennen, wie sie dort sagten, des lieben Lasse Johannsen so sehr berührt hatte und er natürlich seine Sandburgen einfach großartig fand. Durch einen Schreibfehler bekamen unsere nördlichen Nachbarn auch noch gleich einen neuen Namen. Aus „denen“ vom Strand machte der eigentlich sehr kreative Habitus die „Dänen“. Ein peinlicher Fauxpas, der so für alle Zeiten übernommen wurde.