Dortmund
und die Schauspieltruppe
Der Direktor des „Theaters Nordfalen“ Iwan Iwanowitsch von Abendbroth, der sich aber Giacomo von Abendbroth nannte, reiste Ende des 9. Jahrhunderts mit seinem Wandertheater im Westfälischen umher. Die Schauspieler hatten immer Hunger, denn Schauspiel war ein sehr mühsames Geschäft und man konnte kaum davon leben. Einer der Mimen war der schwergewichtige Utz Maria Todtholzer, der dreißig Jahre lang den jugendlichen Liebhaber geben musste und ständig vor Hunger Magenknurren hatte, was bis zu den letzten Zuschauerrängen deutlich zu vernehmen war. Neben von Abendbroth und Todtholzer standen noch Gesine Flickenschutz, Almuth von Molch, Dietrich Adler und Mike Hinze auf den Brettern, die die Welt für sie bedeuteten. Das Wandertheater war mit drei Pferdewagen unterwegs, deren Zugpferde auch schon bessere Tage gesehen hatten. Das Leben als Schauspieler war sehr hart und es kam vor, dass die Ortsvorsteher und Bürgermeister sie nicht in ihren Städten oder Dörfern auftreten lassen wollten. Aber unbeirrt glaubte Direktor Giacomo von Abendbroth an seine Mission, Kultur unter das Volk zu bringen.
Eines schönen Tages hatte der Direktor eine Eingebung. Er wollte großes Theater für die ganze Familie machen und nicht mit seinem 6-Köpfigen Ensemble nur bekannte Stücke aufführen. Also erzählte er seinem musikalischen Leiter Dietrich Adler und Mike Hinze, der für die Libretti zuständig war, von seiner Idee. Das Stück sollte „Die 10 Gefühle“ heißen. Mehr stand zu Beginn noch nicht fest, aber alle Schauspieler brachten sich bei der Gestaltung des Singspiels ein.
„Aber wir müssen dem mündigen Theaterbesucher genügend Freiraum für seine eigene Interpretation des Stücks gewähren“, sagte von Abendbroth, „und es dürfen keine Anzüglichkeiten zu hören oder nackte Haut zu sehen sein, denn es soll auch die Kinder ansprechen.“
Todtholzer meinte gleich bei der ersten Zusammenkunft: „Die wichtigsten Gefühle sind für mich „Hunger“, „Durst“ und „Wolllust“!“
Die anderen Schauspieler nahmen es mit Humor und waren einverstanden, obwohl sie weitaus wichtigere Gefühle sahen, wie: „Angst, Trauer, Zuneigung und Neid“. Gesine warf schließlich ein, dass auch „Hass“, „Eifersucht“ und „Scham“ dazugehören müssten. Nun wussten Adler und Hinze, was sie umsetzen mussten und machten sich voller Eifer an die Arbeit. Kaum hatte Dietrich Adler die ersten Lieder fertig und Mike Hinze reimte was das Zeug hielt, als Almuth von Molch entsetzt – kurz vor der Premiere von „Das Papier von Sie-will-ja“, wo Almuth die namenlose Liebste eines Fußpflegers spielte, die sein ganzes Geld an der Börse verspielt hatte – alle zusammenrief: „Wir haben etwas ganz Wichtiges vergessen: „Liebe“!“
„Sie hat Recht“, stammelte Hinze verdutzt.
„Also „Liebe“, in Ordnung, aber es sollen doch 10 Gefühle sein, welches andere streichen wir jetzt“, fragte Giacomo von Abendbroth nachdenklich.
„Wolllust aber nicht“, warf Todtholzer ein, der dabei seinen Magen besonders aggressiv knurren ließ.
Man einigte sich schließlich auf „Hass“.
Die Uraufführung fand vor ca. 60 Zuschauern auf einer westfälischen Wiese statt. Utz Maria Todtholzer verkörperte den Hunger und den Durst, obwohl er auch gerne die Eifersucht – es wäre die Rolle seines Lebens gewesen – und die Wolllust gespielt hätte. Er gab seine beiden Gefühle mit voller Inbrunst und legte alle Dramatik, die ihm zur Verfügung stand, hinein. Niemand spielte mit soviel Herzblut, aber seine Kollegen bekamen am Ende der Premiere mehr Applaus als er.
Szenenapplaus bekam Almuth von Molch als Darstellerin der Wolllust. Sie spielte eine Näherin, die fast an ihrer Leidenschaft für Wolle zerbrach. Auch der Neid Dietrich Adlers auf Gesine Flickenschutz, die im Stück einen neuen Specksteinofen bekam, quittierte das Publikum mit stehenden Ovationen. So überragend gelang es Dietrich seinen aufkeimenden Neid ein Gesicht zu geben. Eine fulminante Darstellung der Scham gelang den von Natur aus wenighaarigen Mike Hinze, der im Werben um eine Frau seinem Nebenbuhler, von Abendbroth, der langes, wallendes Haar besaß, unterlag und sich seiner Glatze mächtig schämte. Mike hatte hier den Vorteil sich nicht verstellen zu müssen.
Enttäuscht von der Welt beschloss Utz Maria Todtholzer wehen Herzens das Theater für immer zu verlassen. Nie wollte er mehr auf der Bühne stehen, die ihm so eine Schmach bereitet hatte. Das Theater zog weiter und er blieb Vorort und verfiel zusehends. Trägheit und sein ständig wiederkehrendes Hungergefühl überkamen ihn mit voller Macht. Bald war Utz Maria vollkommen entkräftet und stammelte ohne Unterlass: „Dort Mund!“, dabei deutete er mit seiner rechten Hand auf seinen offenen Mund und wiederholte es immer und immer wieder: „Dort Mund!“
Sein leerer Magen forderte vehement nach Nahrung, aber er hatte einfach keine Kraft mehr sich selbst darum zu kümmern. Mildtätige Menschen, die seinen Hinweis korrekt interpretierten, erbarmten sich schließlich seiner und fütterten ihn.
Nach
vielen Jahren – Regen, Schnee und Stürme waren über ihn hinweg
gezogen, die Sonne hatte gnadenlos ihre Strahlen auf ihn gerichtet –
verwitterte er langsam, bis von ihm nichts mehr übrig blieb. Von
Todtholzer sprach bald niemand mehr, aber seine mutmaßliche
Ruhestätte diente später als Mittelpunkt einer Siedlung, die nach
den letzten Worten des Mimen Dortmund genannt wurde.