Bremen und der Misthaufen
Bauer
Fiete Dungmann lebte Ende des 8. Jahrhunderts mit seiner Frau Dörte und
seinen sieben Kindern an der Weser auf einer Düne, die nicht nur Schutz
vor Hochwasser, sondern auch einen ausgezeichneten Zugang zu einer Furt
über den Fluss bot. Fiete Dungmann baute Feldfrüchte an und besaß eine
Kuh. Wenn die Felder nicht genug Nahrung hergaben um über den Winter zu
kommen, sammelten die größeren Dungmann-Kinder Bucheckern oder auch
Eicheln, die es in der Nähe gab. Das Leben von Bauern zu jenen Zeiten
war wirklich hart und entbehrungsreich.
Sinnend saß eines Sommerabends Fiete
vor seiner Bauernkate und beobachtete seine Kuh Josephine, deren
getrocknete Kuhfladen neben dem Brennholz zum Heizen genutzt wurden.
Wenn die Kuhfladen liegen blieben, war ihm aufgefallen, wuchsen die
Pflanzen dort wesentlich kräftiger und waren saftiger als anderswo.
Bauer Fiete begann nun zu josephinen, wie er es nannte. Erst einige
Jahre später sprach man allgemein vom Düngen, benannt nach Fiete
Dungmann. Das Ergebnis war großartig, denn die Ernte steigerte sich
dank der Hinterlassenschaft der Josephine spürbar. Aber die Kuh schied
nicht ausreichend Dung für seine gesamten Felder aus, so machte sich
Fiete Dungmann auf die Suche nach mehr. Tag und Nacht war er unterwegs
und sammelte von überallher tierische Exkremente ein. Nach sechs Wochen
hatte er schon einen beachtlichen Misthaufen neben seiner windschiefen
Kate aufgeschichtet und es wurde jeden Tag mehr. Der Misthaufen, der so
wunderbar vor sich hin dampfte, hatte natürlich eine gewisse
Geruchsbelästigung zur Folge. Und Dörte schimpfte, besonders als
Unmengen von Fliegen den Hof der Familie Dungmann entdeckt hatten. Die
Fliegen quälten Josephine bald dermaßen, dass das arme Tier weniger
Milch gab, schließlich flüchtete und nur mit Mühe von Fiete wieder
eingefangen werden konnte. Leider quälten die Dung- und Kotfliegen auch
Fiete und seine Familie. Und richtig schrecklich wurde es, als auch
Bremsen, angelockt durch den Schweiß der hart arbeitenden Familie, sie
permanent attackierten. Der Bauer hatte bald mehr Mist, als er für
seine Felder benötigte und begann nun sogar damit Handel zu treiben.
„Geschäft ist Geschäft“, rechtfertigte der Bauer
die dadurch zwangsläufige Belästigung durch die Fliegen.
Und das Geschäft blühte. Flusskähne
mit der wertvollen, stinkenden Fracht befuhren bald die Weser und Fiete
Dungmann wurde wohlhabend. Bald reihte sich Misthaufen an Misthaufen
und der Geschäftsinhaber musste Leute einstellen, die die wertvolle
tierische Hinterlassenschaft mit Schaufeln umschichteten, denn die
richtige Belüftung war eminent wichtig. Außerdem mussten die Kunden,
die meistens mit Pferdefuhrwerken anreisten, bedient werden. Und der
Schweiß floss in Strömen und die Bremsen kamen in Massen.
„Auch mit Mist kann man Geld machen“ wurde einer von Fietes Leitsätzen.
Schließlich wurde die Kate der
Familie zur Firmenzentrale mit Büro umgebaut, denn Fiete hatte seiner
Frau Dörte und seinen Kindern längst einige hundert Meter entfernt von
den zahlreichen Misthaufen ein größeres Haus errichten lassen. Als
Architekt fungierte Willi Bungalow, der aufgrund von eigenen
Hüftproblemen nur ebenerdig baute.
Natürlich hatte Fiete dank seines
großen Erfolges auch Neider. Ein Großbauer von der anderen Weserseite,
der das Geschäftsmodell Dungmanns zu seinem eigenen gemacht hatte,
wurde sein schärfster Widersacher, den es große Freude bereitete Fiete
Kunden abspenstig zu machen. Dieser, er hieß Anastasios Silomeyer,
lagerte seine Düngemittel nicht wie Dungmann unter freiem Himmel,
sondern in großen, belüfteten Silos ein, die er extra dafür entwickelt
hatte. Der Vorteil dieser Bauten war unter anderem, dass es kaum
Probleme mit den Fliegen gab. Ganz im Gegensatz zu Dungmann, dessen
Kunden besonders die blutsaugenden Bremsen mit ertragen mussten.
Arrogant und sich überlegen fühlend sprach Silomeyer oft über Dungmann
als der „Mann mit den Bremsen“.
Einige Jahre später, als die Familie
Dungmann längst die Weser für ein komfortableres, sorgenfreies Leben an
der Cote d’Azur verlassen hatte, entstand zwischen den Misthaufen eine
Siedlung der ehemaligen Arbeiter Dungmanns, die dank der permanenten
Pressearbeit Silomeyers, bald „Die bei den Bremsen“ genannt wurde. Mit
den Jahren wurde daraus die Ortsbezeichnung Bremen, aber da war die
große Pionierleistung Dungmanns fast schon in Vergessenheit
geraten.