Braunschweig und die Streithähne
Im 9. Jahrhundert lebten im Sumpfland am Nordrand der deutschen Mittelgebirge an der Oker nur zwei bäurische Familien, die ein sehr entbehrungsreiches Leben führten. Nebenbei bekämpften sich die Merkelmeiers und die Brauns schon seit Angedenken. Niemand wusste weswegen der Streit überhaupt begonnen hatte. Die Brauns und Merkelmeiers, die der Familienvorstand der Brauns, Olav Braun, immer wieder gerne und voller Inbrunst die „Ausgemergeltmeiers“ nannte, obwohl besonders Ulfbert Merkelmeier eher genau das Gegenteil von ausgemergelt war, beschimpften sich und pflügten Ackerboden, die der gegnerischen Familie gehörte, unter, um so ihren Landbesitz zu mehren. Dabei verschwand auch schon mal ein ganzer Wirtschaftsweg. Leider hatten die Generationen vor Olav Braun und Ulfbert Merkelmeier die Grenzsteine schon häufig widerrechtlich versetzt. Da auch die amtlichen Papiere schon vor langer Zeit bei einem nicht geklärten Großbrand vernichtet worden waren, waren die ursprünglichen Grundstücksgrenzen nicht mehr nachvollziehbar. Gerüchten zufolge steckte Ulfberts Großvater Hasko Merkelmeier dahinter, dem aber nichts nachgewiesen werden konnte. Damals stand der Sieg der Merkelmeiers über die Brauns kurz bevor, denn der Chef der Braun-Sippe war ein zu leichter Gegner für den tatkräftigen, hemdsärmeligen Hasko Merkelmeier. Aber unglücklich prellte sich Hasko eines Tages bei einer Aktion gegen die Brauns das Steißbein und den Schädel und war danach nicht mehr der Alte.
Der Zwist der beiden Familien wurde sogar Thema im „Oker Bauern- und Jägerblatt“. Und so kam die Angelegenheit auch an die Ohren des Landesvaters Herzog Albrecht II. dem Speier, der einfach auch nur „das Lama“ genannt wurde, weil er die Angewohnheit hatte, in kurzen, schnellen Folgen, egal wo er sich befand, auszuspeien. Herzog Albrecht plante gerade eine umfassende Gebietsreform und der Streit der beiden Familien passte wunderbar in sein Konzept. Daher sandte er seinen Schreiber Erasmus Feinripp, einen ehemaligen Bassbariton an der Bardowicker Oper, zu den beiden Familien. Dessen Halbbruder Calvin entwarf erfolgreich Unterwäsche-Kollektionen für den Mann, wo der Mann von Welt sich nicht wie die bedauernswerten Damen in irgendwelche Leibchen schnüren musste. Tagelang versuchte Feinripp zu vermitteln, aber es war sinnlos. Erasmus gab entnervt auf und reiste wieder ab. Nun versuchte der Herzog selbst zu schlichten, aber auch ihm gelang es nicht die streitenden Familien zu befrieden. Albrecht versuchte es mit Drohungen und sprach von Enteignung, aber nichts half. So entsandte er kurz entschlossen Truppen an die Oker. In Windeseile wurde mitten zwischen den beiden Höfen ein kleines bewaffnetes Fort errichtet. Herzog Albrecht schaute oft nach dem Rechten und fragte eines Tages die nun zwangsweise friedfertigen Familien, wie dieser Ort eigentlich heißen solle, da eine vernünftige Adresse vonnöten wäre.
„Merkelmeiersdorf“ und „Braunshausen“ kamen als Vorschläge und als die Soldaten eingreifen mussten, weil die Familienoberhäupter sich an die Gurgeln gingen, hatte der Herzog genug, enteignete die beiden Familien nun tatsächlich und hatte gleichzeitig auch seine Gebietsreform einen großen Schritt weiter voran gebracht.
„Ihr müsst nun Pacht an die Krone zahlen“, sagte der Herzog schließlich fröhlich und spie wie gewohnt aus.
Dabei traf er versehentlich Olav Brauns Arm, der blind vor Wut den Herzog attackierte: „Erst mein Land stehlen und dann noch dieser Schweinkram!“
„Braun, schweig!“, fuhr ihn der Herzog an und ließ ihn für zwei Tage ins Gefängnis des Forts werfen.
So notierte Schreiber Erasmus Feinripp, der immer die neuesten Kreationen seines Halbbruders trug – an diesem historischen Tage „Puma Deluxe“, nun Braunschweig als Ortsnamen, da der Herzog verärgert nicht mehr zu diesem Thema angesprochen werden wollte.
Ulfbert Merkelmeier, der sich sonst auch relativ schnell aufregte, ärgerte sich den Rest seines Lebens über die nicht genutzte Gelegenheit, wie Olav Braun, den Herzog gereizt zu haben.
„Merkelmeierschweig!“, sinnierte er oft, „ach, wäre das schön.“
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