Berlin und die Kellnerin


Käthe Marie Ring lebte Anfang des 13. Jahrhunderts in der Stadt Cölln an der Spree und arbeitete als Kellnerin im „Dicken Hund“, einer neuartigen Themenkneipe, wo allerhand ausgestopfte Tiere ausgestellt waren. Den Mittelpunkt der Ausstellung bildete der Rauhaardackel Wilfried, der einst der Liebling des Wirtes gewesen war. Im „Dicken Hund“ gab es nur Rotwein und Wasser oder als besondere Kreation Käthes Spreewasser, bestehend aus 2/3 Wasser und 1/3 Wein. Käthe Marie Ring war damals um die 25 Jahre alt, dunkelhaarig, schlank und man konnte sie durchaus als hübsch bezeichnen. Sie war ehrgeizig und wollte sich nicht ihr ganzes Leben lang mit Betrunkenen abgeben müssen und besuchte deshalb die Volkshochschule um den Kurs „Material- und Auftragsmanagement im Gaststättengewerbe“ erfolgreich abzuschließen. Ihr Ziel war es den ersten Partyservice in Cölln zu gründen. Ihr Chef Heribert Theuerstein stand ihren Plänen nicht unbedingt offen gegenüber, denn er wollte seine tüchtige Kellnerin auf keinem Fall verlieren. Nach dem erfolgreichen Abschluss als Managerin im Gaststättengewerbe beantragte sie bei den Behörden eine Lizenz für den Partyservice, aber Theuerstein hatte in der Zwischenzeit seinen Einfluss bei den Stadtvätern genutzt, sodass Käthe Marie Ring keine Genehmigung für ihr Vorhaben bekam. Entrüstet verließ sie den „Dicken Hund“ und die Stadt und zog in ein einsam gelegenes Haus an der Spree. Käthe hatte etwas Geld gespart und eröffnete nur vier Wochen nach dem Umzug ihren „Partyservice Käthe Ring“ und belieferte bald die Wohlhabenden bei deren Festivitäten in Cölln und Umgebung mit wunderbaren Leckereien. Sie wurde damit so erfolgreich, dass ihr Geschäftsmodell auch in anderen Landesteilen für Furore sorgte und Nachahmer fand, die diese Geschäftssparte Catering-Service nach dem „Partyservice Käthe Ring“ nannten. Zu Käthes Kunden gehörten einige Prominente, wie der Schwergewichts-Boxweltmeister Hammer Rosenblatt, der nicht unbedingt als Filigran-Techniker bekannt war, der Banker Adam von Geldern, Oberkirchenrat Steve von Müller, Studienrat und Schriftsteller Helge Wortlos, der Heldentenor Erich Kruse und der Aktionskünstler Pierre zu Sonnenstern, der in Cölln schon sämtliche Statuen mit allerlei Zierrat verunstaltet hatte.

Zu den besonderen Kreationen, die Käthe anbot, gehörten Bouletten – benannt nach dem französischen Honorarkonsul und Toilettenartikel-Hersteller Jean-Luc Boulette, dessen Figur, seine Vorliebe für Fleisch und seine extrem lückenhaften Zahnreihen Käthe inspiriert hatten, Fleisch durch den Wolf zu drehen und danach rundlich zu formen. In Nord- und Südfalen tauchte ca. 30 Jahre später der Franzose Jean-Claude Fricadelle auf, der dort diesen Fleischklops als Frikadelle einführte und dabei das Urheberrecht verletzte, aber nicht bestraft wurde, weil Käthe Marie Ring auf eine strafrechtliche Verfolgung verzichtete.

Schon ein Jahr nach ihrer Geschäftseröffnung beschäftigte sie bereits sechs Angestellte, darunter zwei Köche und einen Kutscher, der die Leckereien auszuliefern hatte. Und diesem Droschkenlenker gelang es eines Tages Käthe Marie Rings Herz zu gewinnen. Käthe und Beowulf Brettschneider heirateten und ein Jahr später waren sie Eltern eines Zwillingspaares, die Bertie und Lina genannt wurden und glücklich an der schönen Spree heranwuchsen.

Als das Paar auch noch einen kleinen Gasthof nebenan erbauen ließ, gaben sie ihn den Namen „Berlin“, benannt nach ihren beiden Kindern.

Die immer zahlreicher werdenden Angestellten zogen nun auch an die Spree zu Familie Brettschneider und so entstand mit den Jahren eine Siedlung, die sich wie der Gasthof Berlin nannte.

Einer schusseligen, ungeschickten Teilzeitkraft ist die „Berliner Weiße“ zu verdanken. Hertha Brausewitz, die später als ältere Dame einen Sportclub für Senioren gründete, wo der Ausdruckstanz und eine Bewegungstherapie für die Frau ab achtzig im Vordergrund standen – Hertha BSC – hatte versehentlich etwas Himbeer-Fruchtsirup in ein Glas Bier geschüttet. Der Gast, der Name ist nicht überliefert, war von dem Geschmack so begeistert, dass das Getränk als „Berliner Weiße“ – Hertha Brausewitz war vor Schreck kreidebleich geworden, als sie ihren Lapsus bemerkt hatte – eine Berliner Spezialität wurde. 



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